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Meine Trauer hat sich heute schick gemacht und hat anstatt der blau-weiß geringelten Socken, rot-weiß geringelte Socken an und anstatt der sonst üblichen Jogginghose eine Jeans. Ich bin stumm beeindruckt. Für unser Gespräch trinken wir wie immer Tee.

“Hallo, mein Name ist Irene. Ich bin Autorin und führe heute ein Interview mit meiner Trauer für das viaMag.” Meine Trauer gähnt und sieht mich mit blitzenden Augen an: “Och Irene, wann bin ich denn endlich dran?” Ich rolle genervt mit den Augen und fahre fort: “Hier bei mir auf der Couch sitzt meine Trauer. Hallo Trauer! Magst du dich kurz vorstellen?”

“Na, das war ja mal die lahmste Einleitung – like ever.” spricht meine Trauer “Haha, vielen Dank. Mache es gerne besser.” fordere ich meine Trauer heraus. “Endlich! Hi! Ich bin Irenes Trauer und ich bin unsichtbar.” Hier macht meine Trauer eine dramatische Pause. “Warum hast du mir das eigentlich nicht gesagt, bevor ich mich am Friedhof einschließen ließ und mir ein Passant dann helfen musste über die Friedhofsmauer zu klettern?” frage ich meine Trauer. “Das musstest du leider selbst erfahren. Hätte ich dir erzählt, dass ich nur für dich sichtbar bin, hättest du mir nie geglaubt.” “Das stimmt.” antworte ich. Meine Trauer nippt an ihrem Tee und ich nutze die kleine Pause für eine Frage an meine Trauer.

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“Was war denn ein Moment -für dich- wo sich etwas in unserer Freundschaft geändert hat? Also im Vergleich zu früher.” “Das war, als ich bei dir eingezogen bin. Da hast du die Tür ganz weit für mich aufgemacht.” “Naja, du standest da triefend nass und vor Kälte schlotternd vor der Tür. Da hatte ich Mitleid mit dir.” “Mitgefühl, Irene. Mitleid brauche ich nicht. Ich brauche dein Mitgefühl.” “Jaja, die Diskussion hatten wir schon öfter. Ich übe das gerade – okay?”

“Okay.” antwortet mir meine Trauer.

“Und was mir wichtig geworden ist, seitdem wir zusammenwohnen, ist unser Ritual des Teetrinkens, bei dem wir uns unterhalten und auch ich dich noch mal besser kennenlerne.” Meine Trauer nickt und trinkt noch einen Schluck Tee: “Brr. Der ist jetzt aber kalt geworden.” “Ich mache gleich Neuen. Ich möchte noch erzählen, was ich auch noch über dich gelernt habe: dein Job ist es für mich “da” zu sein, du machst keinen Urlaub und wenn wir nicht zusammen sind, triffst du dich mit anderen Trauern und ihr redet über die Menschen, die ihr begleitet.”

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“Hast du das jetzt aufgeschrieben?” fragt mich meine Trauer. “Äh, ja.” “Mann Irene, ich habe dir doch schon zig Mal gesagt, dass das geheim ist.” “Aber wieso denn? Ich verstehe das nicht.” “Na, weil das so klingt, als wären wir eine Gruppe von Irren oder so.” “Na dann sag doch, wie es ist.” Meine Trauer seufzt: “Also es ist so, wir die Trauer treffen uns einmal in der Woche fix in einem bestimmten Wald. Erkennungszeichen ist ein bestimmter Pfiff (der nun wirklich geheim bleibt) und dann gibt es Tee und wir unterhalten uns über die Menschen, mit denen wir befreundet sind und wir tauschen uns darüber aus, wie wir noch besser für diese “da” sein können.” “Hat dir da jemand den Tipp gegeben, bei mir ein zu ziehen?” “Nein, das war meine Idee und alle anderen finden die großartig.” “Toll. Dann bin ich quasi so etwas wie ein Versuchskaninchen. Das gefällt mir gar nicht.” ich verschränke die Arme vor meiner Brust. “Na, na. Du musst nicht gleich beleidigt sein.” Meine Trauer nimmt ganz sanft meine Hand und drückt sie. “Das Wichtigste ist, dass wir miteinander sprechen, ich bei dir sein kann und dass unsere Freundschaft dadurch enger geworden ist”. “Das stimmt.” antworte ich. “Und als nächstes fahren wir zusammen in den Urlaub. Das wird bestimmt spaßig.” “Na, ich bin gespannt.” antworte ich zögerlich, da ich meine Trauer am liebsten zu Hause lassen möchte, ich aber weiß, dass das nicht geht. Da wo ich bin, ist auch sie – unsichtbar oder sichtbar – auf jeden Fall fühlbar – für mich. “Ich denke, das reicht für das Interview.” “Sollen wir noch gemeinsam unseren Spruch sagen? “Ja.” “Dann auf 3.“

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„Danke fürs Lesen!”

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