Trauer ein Gesicht geben, Engel und Statue gemorpht
Jr Korpa Unsplash

Ich werde der Trauer ein Gesicht geben

Ich war eineinhalb Jahre alt, als meine Eltern aufhörten, mich wahrzunehmen. Weil man Bruder kurz nach der Geburt verstarb.
Ich war 35 Jahre alt, als ich mit großer Scham darüber anfing zu reden, dass ich zwei verstorbene Brüder habe.

Heute bin ich 54 Jahre alt, und möchte nichts anderes mehr tun, als zu sagen:

Trauer braucht ein Gegenüber. Trauer will gesehen werden. Trauer ist ein Gefühl. Nicht mehr und nicht weniger. Gefühle wollen gefühlt werden, gelebt werden, nicht zerdacht und vergraben.
Traurige Ereignisse, Abschiede, gehören zu unserem Leben. Und sie können uns groß machen, wenn wir sie fühlen.
Fangt…an …zu …fühlen.
Versteckt euch nicht mehr hinter euren Masken.
Das Leben ist Schatten und Licht. Das erst macht uns lebendig.

Durch Trauer rückt man zusammen

Trauer ist in unsere Gesellschaft immer noch tabuisiert, angstbesetzt und macht die meisten Menschen völlig hilflos. Dabei bieten Abschied und Trauer so viel mehr als nur Schmerz.
Für mich ist das heute einer der wichtigsten Aspekte in einer neu zu definierenden Trauerkultur. Die Begegnung im Alltag mit realen Menschen, die weinen, Trost suchen und ein Gegenüber brauchen. Dabei den Mut zu haben, den Fokus auf das Positive zu lenken. Neue Facetten des Lebens zu spüren. In der Familie. In der Nachbarschaft. Am Arbeitsplatz. Einfach in unserem Alltag.

Auf der Suche nach mir

Durch die Traumatisierung in meiner frühen Kindheit habe ich viele Jahre noch mehr Leid und Schmerz in mir erzeugt. Weil ich nicht wusste, was eigentlich los ist. Weil ich nicht vertraut habe. Weil ich Sehnsucht hatte und nicht wusste, wonach.
30 Jahre Essstörung, zwei Selbstmordversuche, eine gescheiterte Ehe und ein Burnout später habe ich es endlich verstanden…


Die kleine Birgit wurde nie in ihren Bedürfnissen gesehen und verstanden. Sie hat ein halbes Jahrhundert als Erwachsene keinen Zugang zu ihrem inneren Kind gehabt. Sie konnte sich nicht abgrenzen, keine Liebe zulassen und hatte massive Verlustängste.
Heute weiß ich, dass alles heilen kann. Dass ich einen besonderen Weg beschritten habe. Dass mich meine Eltern liebten und selbst am hilflosesten waren. Dass ich unglaublich viel über Trauer, Abschied und Tod lernen durfte – in mir und außerhalb.

Es wird Zeit, zurück zu geben

Ich habe eine Vision. Und ich werde nicht mehr still sein, bis ich meinen letzten Atemzug gemacht habe. Ich möchte dazu beitragen, dass Trauer gesehen wird.
Ich stehe für eine Bewegung in Deutschland.
#traudich soll für Aufklärung, Networking und bewusste Trauerarbeit stehen. Für den Mut, dass wir einander helfen können. Für das Bewusstsein, dass noch viel zu viele Menschen allein sind und verzweifeln mit ihrer Trauer. Für das Verständnis, dass wir nie genug Trauerbegleiter und Trauer Cafés haben werden, um alle aufzufangen.
Es muss in uns passieren. Der Mut, die Liebe und das Wissen, dass wir alle trauern können und Trauernden helfen werden.
Es soll sich keiner mehr seiner Tränen schämen.
Lasst uns endlich darüber reden. Nicht nur im November.
Jetzt.

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