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Weil du wichtig bist

Gedanken zum Suizid meines Freundes

4.6K Mal gelesen
3 min Lesezeit

Die Entscheidung ist gefallen.

Das waren einige der letzten Worte eines guten Freundes, den ich sehr geliebt und geschätzt habe. Was mich in der letzten Zeit ganz besonders berührt ist, dass ich immer häufiger von Menschen höre, dass sie nicht mehr können und überlegen, freiwillig aus dem Leben scheiden zu wollen.

Die Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, ist sehr, sehr schwierig, kann aber unter den bestehenden Umständen auch einfach entschieden erscheinen. Ich gestehe, auch ich habe in meinem Leben mehrere Suizidversuche unternommen, aber keiner von ihnen hat funktioniert, obwohl ich es wirklich wollte. Weil ich damit offen umgehe, werde ich immer wieder gefragt, wie ich meine Gedanken und Gefühle unter Kontrolle halten konnte, um nicht doch in den Tod zu gehen. Gleichzeitig weiß ich mittlerweile auch, wie es ist, auf der anderen Seite zu stehen und wie schwer es dabei ist, jemanden davon zu überzeugen, es nicht zu tun.

Wie ist es für Menschen die (ständig) Gedanken haben, aus dem Leben scheiden zu wollen?

Mein Freund war über 30 Jahre lang sehr krank und musste in dieser Zeit immer wieder Rückschläge hinnehmen. Das ist eine unglaublich lange Zeit, aber wir, die ihm nahestanden haben ihn immer wieder ermutigt, weiterzukämpfen und sich auf das Positive zu konzentrieren. Es ist sicher für jeden nachvollziehbar, dass genau das für ihn mehr als schwer war. Wir kannten uns seit frühester Jugend, spielten zusammen im gleichen Verein in einer höheren Schweizer Fußballliga und genossen die gemeinsame Zeit und das Erwachsenwerden.  

Er war ein Freund fürs Leben, doch eines Tages zog er sich vollständig zurück. Durch seine Frau erfuhr ich, dass er alle Kontakte abgebrochen hatte, da er niemanden belasten wollte. Es sollten zwei Jahre vergehen, bis ich endlich wieder Kontakt zu ihm hatte und er mir erlaubte, mit seiner Frau an seiner Seite stehen zu dürfen. Die Zeit verging mit vielen aufs und Abs, bis seine Frau vor 12 Jahren auf tragische Weise bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kam und er mit ihren gemeinsamen Kindern zurückblieb. Dieses Ereignis war für mich auf so vielen Ebenen sehr schwierig. Ich hatte mich dazu bereit erklärt, sie oder viel mehr ihren Körper von der Unfallstelle abzuholen, sie für die Bestattung vorzubereiten und auch einzusargen. Die gesamte Situation und ihr Tod führten mir noch mal deutlicher vor Augen, dass auch ich eines Tages diese letzte Reise antreten werde. Der Anblick seiner Frau und all das blieb mir in so starker Erinnerung, dass ich jedes Mal, wenn ich fortan verunfallte Verstorbene abholen sollte, mich daran erinnern musste, stark zu bleiben.   

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Bild: baraa jala hej – pexels

Jahrelang begleitete ich meinen Freund, redete mit ihm und unterstütze ihn immer wieder aufs Neue einen neuen, anderen Weg zu finden. Er sagte häufig zu mir: „Meine Seele ist bereit zu gehen, und ich folge ihr.” Er gab aber trotz allem nie auf und war dann sehr lange in einer örtlichen Klinik, um sich behandeln zu lassen, da er für seine Kinder da sein und gesund werden wollte. Manchmal klappte und half die Behandlung sehr gut und er durfte wieder nach Hause zu seinen Kindern, die vorübergehend während seiner Klinikaufenthalte bei den Großeltern lebten. Er blühte dann jedes Mal auf und wir freuten uns alle mit ihm und vor allem ihn frei von negativen Gedanken zu erleben. Leider gab es auch danach immer wieder Tiefs. Bei einem seiner schweren Zusammenbrüche spitzte sich die Situation einmal so zu, dass er sogar für unzurechnungsfähig erklärt wurde und infolgedessen in einer geschlossenen Klinik landete. Diese Erfahrung hinterließ natürlich Spuren, motivierte ihn aber aufs Neue und er versprach nicht nur uns, sondern besonders sich selbst dieses Erlebnis nutzen zu wollen, um wieder stabil zu werden und seine Mitte zu finden.

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Er kämpfte sich immer weiter und die Zeit verging, bis ich zuletzt wieder für drei Jahren nichts von ihm hörte, weil er jeglichen Kontakt ablehnte. Nach all den gemeinsamen Erlebnissen machte ich mir natürlich sehr große Sorgen, doch ich war im Vertrauen, dass ich wieder von ihm hören würde, wie die vorherigen Male.

Vor ein paar Tagen bekam ich dann eine Nachricht, dass mein lieber Freund nicht nur die Entscheidung getroffen, sondern sie tatsächlich auch umgesetzt hatte. In seinem Besitz befand sich noch eine Pistole aus seiner Armeezeit und damit setzte er seinem Leben ein Ende.

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Bild: Mittermeier – pexels

Warum teile ich das Alles?

Ich erzähle die Geschichte meines Freundes und von mir, weil ich motivieren will. Wenn du in der Situation bist, einem Menschen beizustehen, will ich dich motivieren, das auch immer weiter zu tun. Wir alle brauchen in jedem Augenblick unseres Lebens und besonders in unseren schwärzesten Momenten die Rückendeckung von geliebten Menschen und Freunden, die für uns da sind. Und wenn du mit den Gedanken spielen solltest, dein Leben zu beenden, weil es sich nicht aushaltbar oder lebenswert anfühlt, will ich dich motivieren, dir Hilfe zu gewähren. Bitte lass dir helfen, weil auch wenn das Leben nicht immer so erscheint, es ist trotzdem lebenswert. Auch ich war in diesen schwarzen Momenten und bereit, doch alles, was war und danach folgte, hat mich mein Leben ändern lassen. Heute bin ich dafür und noch viel mehr dankbar, denn auch ich darf glücklich sein und dazu meine geliebte Frau in diesem Jahr noch heiraten.

Meine Herzensbotschaft ist: «Geh mit deinen Gedanken und deiner Seele behutsam um.»

Sanfte Grü´ße Fabrizio

Mein Name ist Fabrizio Donisi und lebe in der Schweiz. Ich bin Trauer- & Sterbebegleiter und arbeite zudem in der Pathologie und bei Bestattungsämtern, um Menschen bei schweren Verlusten zu unterstützen. Leidenschaftlich gerne schreibe ich Grabreden, um das Leben und die Emotionen des Verstorbenen zu übermitteln.

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