Quino Al unplash

Kaze no Denwa

Warum seinen Schmerz nicht dem Wind anvertrauen

In der japanischen Stadt Ōtsuchi steht seit 2010 eingebettet in einem idyllischen Garten eine weiße Telefonzelle. Bis auf ihren Standort unterscheidet sie erst einmal nichts von anderen Telefonzellen. Die Besucher werden beim Betreten von gerahmten Gedichten, einem Notizbuch für Erinnerungsnachrichten und einem alten schwarzen Telefon, dessen Kabel ordentlich aufgerollt daneben liegt, empfangen. Das ist das „Kaze no Denwa“ oder das „Telefon des Windes“, welches keinen irdischen Anschluss an ein Netzwerk hat und die letzte Verbindung Trauernder zu ihren Lieben ermöglicht.

Errichtet hat diese bemerkenswerte Telefonzelle der Gartengestalter Itaru Sasaki nach dem Tod seines Cousins. Traditionell verändert sich in Japan die Verbindung zu Verwandten oder geliebten Menschen nicht mit dem Tod, sondern wird im Alltag am hauseigenen Altar, dem Butsudan weiter gepflegt. Für ihn war es zudem eine weitere Möglichkeit ihre Beziehung zu pflegen und alles, was ihn bewegte, auszusprechen, auch wenn nur der Wind seine Gedanken und Stimme davon trug.

Schließ deine Augen,

lausche sanft, leise, aufmerksam.

Wenn du den Wind,

das Vogelgezwitscher hörst,

öffne dein Herz und sag deinen Lieben

die gegangen sind, woran du denkst.

— Itaru Sakais

Als im Jahr 2011 die japanische Küste von dem verheerenden Tsunami verwüstet wurde, der auch die Katastrophe beim Fukushima-Daiichi-Atomkraftwerk auslöste, öffnete Sasaki seinen Garten für die vielen trauernden und geschockten Menschen. Sasakis Heimatstadt Ōtsuchi wurde schwer getroffen und fast dem Erdboden gleichgemacht. Etwa zehn Prozent der Bewohner Ōtsuchis starben in den Fluten, viele gelten heute noch als vermisst.

Seit er sein „Telefon des Windes“ der Öffentlichkeit zugänglich machte, hat es Tausende von Besuchern gesehen. Mit der Zeit auch immer mehr, die geliebte Menschen durch Unfall, Krankheit oder Suizid verloren hatten. Trauernde dürfen kommen, wann immer sie möchten und können hier ungestört mit ihren Lieben „sprechen“, weinen oder schweigen.

Winetelephone Lyo
Windtelephone Lyo

In den letzten Jahren sind eine Reihe von Windtelefon-Nachbauten auf der ganzen Welt errichtet worden. Das wahrscheinlich erste Windtelefon Europas ist seit 2018 bei unseren Nachbarn in Dänemark auf der kleinen, wunderschönen Insel Lyø. Auf der eigenen Facebook-Seite, Wind Telephone Lyø* erfährt man neben der Entstehungsgeschichte auch interessante Hintergrundinformation zum Beispiel zum Design der Telefonzelle. Ein Besuch lohnt sich!

Wer in Deutschland seine Gefühle und Worte dem Wind anvertrauen möchte, wird in Schleswig-Holstein fündig. In Arnis – der kleinsten Stadt Deutschlands – steht seit einer sternenklaren Nacht im Oktober 2019 am Feldrand hinter dem Deich ein knallgelbes Windtelefon. Inspiriert wurdedieses schöne und wie sie es selbst nennen, poetische und zeitlose Windtelefon von dem dänischen Pendant auf der Insel Lyø, dass bei einer Reise entdeckt wurde. Die Vereinsmitglieder vom Kunst- und Kulturvereins Kulturwerke e. V.* hoffen sehr, das auch andere Orte dieser Welt durch Windtelefone bereichert werden.

Windtelefon Arnis, Kulturwerke e.V. Foto Jolan Kirschke
KW-eV_Windtelefon_Foto-©-Jolan-Kieschke

Wem das für den Moment zu weit ist, sich aber in Geduld übt, kann in hoffentlich naher Zukunft ein Windtelefon in Stuttgart besuchen. Den Tipp erhielt ich von Janet aus Lyø (Menge tak!!!) die mir auch den Kontakt zu Jessica in Stuttgart vermittelte. Nachdem Jessica die arte Reportage „Japan: Das Telefon ins Jenseits“* gesehen hatte, beschloss sie tief beeindruckt, so ein Windtelefon braucht es auch in ihrer Heimatstadt.

Sie steckt in den ersten Planungen und jede*r der/die Jessica und dieses schöne Projekt aktiv unterstützen und mit ihr verwirklichen möchte, kann sich bei uns melden – wir vermitteln gerne den Kontakt. In der Zwischenzeit begleiten wir den Weg des ersten Windtelefons Stuttgarts und halten dich auf dem Laufenden.

Das Telefon des Windes
spricht zum Herzen.
Flüstere zum Wind
und ich werde dich hören.

— Gedicht von Itaru Sasakis Cousin, dass er nach dessen Tod fand


Als Itara Sasaki einmal gefragt wurde, was Menschen brauchen, um zu leben, antwortete er: „Hoffnung.“ Dies wird, wie ich finde trotz Tränen, Trauer und Verzweiflung bei den Besuchern der Telefonzelle deutlich. Denn das „Telefon des Windes“ erlaubt ihnen diese privaten, innigen Momente, frei zu sprechen mit den in Gedanken und im Herzen verbundenen.

… und der Wind trägt deine Stimme davon, trägt sie zu jenen, die du liebst …