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Bio. Logisch?

Ein Streitgespräch mit der Natur

korpa unsplash

Von Geburt an tragen wir den Tod in uns. Er ist uns einprogrammiert, steckt tief in den Genen, den Zellen und dem Stoffwechsel. Alle Versuche, ihn von dort zu verbannen und das Altern zu stoppen, sind bislang gescheitert. Selbst wenn dieses Unterfangen gelänge, bliebe unser Organismus verletzlich und folglich sterblich. Nein, es gibt kein Entrinnen: Wir sind biologische Wesen, und als solche sind wir an den Tod gebunden.

Einige Menschen trösten sich mit dem Gedanken, dass der Tod etwas ganz Natürliches ist. Ich gehöre leider nicht zu diesen Besonnenen, sondern zu den Trotzköpfen, die sich gegen ihr Schicksal auflehnen und in die philosophische Schlacht stürzen. Wenn der Tod etwas Natürliches ist, dann bin ich gewillt, die Natur für diese Ungeheuerlichkeit anzuklagen. Gleichzeitig bin ich neugierig, will mehr über Leben und Tod erfahren.

Diese Impulse haben mich zu einem Gedankenexperiment geführt: Was wäre, wenn ich mit der Natur reden könnte? Welche Fragen würde ich ihr stellen? Welche Antworten könnte sie mir geben? Hier ein Versuch.

Mensch: Liebe Natur, kommen wir gleich zur Sache: Warum tötest du uns alle?

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Natur: Die Zusammenhänge dürften euch Menschen bekannt sein, auch wenn ihr sie immer wieder infrage stellt. Ihr seid komplexe Organismen. Als solche verbraucht ihr Unmengen von Energie und nutzt euch ab. Unter den gegebenen Umständen der Physik und Chemie kann ich eure organischen Systeme nur eine Zeit lang aufrechterhalten. Am wichtigsten ist mir eure Vitalität, wenn ihr jung seid, damit ihr euch rechtzeitig fortpflanzt und den Bestand eurer Art sichert. Später müsst ihr Platz machen, um meine begrenzten Ressourcen zu schonen. Das ist logisch.

Mensch: Damit triffst du einen wunden Punkt, denn der Mensch ist mehr als ein Produkt der Logik. Wir sind liebende Wesen, die an ihren Leben und Liebsten hängen. Der Tod bricht uns das Herz. Als lebendige Individuen wollen wir bleiben und wachsen und entdecken. Wir sind träumende und manchmal irrationale Charaktere, ausgerüstet mit einem Bewusstsein und einer vagen Idee von Ewigkeit. Du stattest uns mit alledem aus, nur, um es uns kurz darauf wieder zu nehmen. Das ist zynisch!

Natur: Mit dieser Wertung kann ich nichts anfangen. Ich kenne kein Böse oder Gut, habe weder Moral noch Ziel. Nach dem Prinzip der Evolution probiere ich unvoreingenommen alles Mögliche aus, um herauszufinden, welche Organismen in welchen Umgebungen am besten funktionieren. Die Menschheit ist Teil dieses langfristigen, selektiven und ergebnisoffenen Experiments, mit einer bislang gemischten Bilanz.

Mensch: Mag schon sein, dass dein Wirken kein Mitleid kennt. Nur hast du mit dem Menschen ein Wesen erschaffen, das moralisch empfindet und leidet. Daher lasse ich es mir nicht nehmen, mich über deine Gleichgültigkeit zu beklagen. Du solltest uns eine Mutter sein – Mutter Natur! Stattdessen hast du schon über neunzig Prozent aller Menschen getötet, die jemals auf diesem Planeten gelebt haben. Das Herz, das du mir eingepflanzt hast, empfindet diesen Mechanismus als grausam. Du solltest uns eine Mutter sein, doch du kommst mir wie ein Henker vor, und ich mir wie ein Verurteilter, der um Begnadigung fehlt. Vergeblich, logisch.

Natur: Merkwürdig, dass du mein Werk so siehst. Ich habe mir doch größte Mühe gegeben, immer aufwendigere Formen voller Schönheit und Vielfalt zu kreieren. Dein Körper ist ein Wunderwerk, das mir erstmal jemand nachmachen soll. Gleiches gilt für die anderen Organismen, die prachtvoll aufblühen, bevor sie vergehen. Anstelle eines leblosen Planeten sprießt und pulsiert es überall, das ist fantastisch! Und über den Sex hast du dich noch nie beschwert.

Mensch: Der ist ja auch schön. Ich würde nur gerne ungetrübt auf die Existenz blicken, ohne mir ständig der drohenden Auslöschung bewusst zu sein. Warum hast du mich nicht zu einem Bonobo gemacht, der seine Probleme einfach sexuell löst und sich wahrscheinlich keine Gedanken über den Sinn des Lebens macht? Warum bin ich stattdessen zu einem Tier geworden, das kein Tier sein will?

Natur: Erstens kannst du über das Naturell und die Sorgen des Pan paniscus oder Bonobos wenig aussagen, da du einer anderen Spezies angehörst. Hier müssen wir logisch bleiben. Zweitens kannst du dein hochentwickeltes Bewusstsein auch als Geschenk betrachten und mir dankbar sein.

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Mensch: Ein Geschenk, das ich mit dem Wissen um die Sterblichkeit teuer bezahle. Vielleicht bist du mit dem menschlichen Gehirn zu weit gegangen. Denk nur mal an die Maßlosigkeit, mit der Menschen wissentlich deine Ressourcen ausbeuten, oder das kriegerische Gemetzel, mit dem sie sich gegenseitig vernichten, zurzeit ganz offensichtlich. Vielleicht zeigt sich aber auch darin dein wahres Wesen: deine Neigung, maßlos Leben in die Welt zu streuen, das anschließend um begrenzte Ressourcen kämpfen muss. Oder deine primitive Triebhaftigkeit, die das Alphatier in den Revierkampf treibt, bis hin zum brutalen Angriffskrieg auf ein anderes Land. Auch bei Tieren bestätigen sich solche Muster, nur mit geringerer Tragweite, ohne gleich den gesamten Planeten zu gefährden.

Natur: Verstehe ich es richtig, dass du lieber ein weniger komplexes Tier geworden wärst?

Mensch: Zumindest spiele ich mit dem Gedanken, ob mir – und dir – auf diese Weise nicht viel erspart geblieben wäre. Es gibt faszinierende Organismen, darunter Einzeller, die harmlos und potenziell unsterblich sind. Toll finde ich auch diesen Riesenschwamm im antarktischen Ozean, der über zehntausend Jahre alt wird. Über eine solche Zeitspanne lässt sich reden.

Natur: Oh ja, der Anoxycalyx joubini ist eine außerordentlich gelungene Schöpfung. Er hat den geringsten Sauerstoffverbrauch und Stoffwechsel aller gegenwärtigen Tierarten. Allerdings ist auch er gefährlichen Umweltfaktoren ausgesetzt und kann jederzeit eines Katastrophentodes sterben. Davon abgesehen führt er im dunklen, kalten Nass ein recht eingeschränktes Leben. Würdest du das vorziehen, wenn du dafür mehr Lebenszeit erhieltest?

Mensch: Naja, wenn du es so formulierst, klingt es nicht wirklich reizvoller. Womöglich ist die zentrale Erkenntnis über das Menschsein auch eine andere: dass der Mensch und die Welt unvereinbar sind. Demzufolge müsste ich mein Dasein als absurd definieren. Mir bliebe dann neben dem Suizid, der an der Absurdität nichts ändert, nur der innere Widerstand gegen die Sinnlosigkeit, mit dem Tod als Krönung eines absurden Lebens. So hat es der Philosoph Albert Camus gesehen.

Natur: Wenn es dir hilft, kannst du nach dieser Philosophie leben. Vergiss nur nicht meine vielen kleinen Wunder: den Schmetterling auf dem Löwenzahn und die ganzen Phänomene, die dem Leben aus sich selbst heraus einen Wert verleihen. In diesem Sinne möchte ich mich korrigieren und eher von einer Leihgabe als einem Geschenk sprechen. Das ist meinerseits aufrichtiger und deinerseits eine Chance, dich einer ganzheitlichen Perspektive zu nähern. Vermutlich ist nichts verkehrt daran, den Tod frühzeitig zu thematisieren, anstatt irgendwann von ihm überrumpelt zu werden. Doch solange du im Leben verweilst, ist der Tod nicht deine Wirklichkeit, und wenn er an deine Tür klopft, dann sollst du auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Das ist alles, was ich dir nahelegen kann.

Mensch: Okay, ich werde mich bemühen, das wilde Herz zu beruhigen, das du mir geliehen hast. Was mich trotzdem plagt, ist der Tod der anderen Menschen, den ich wiederholt miterleben muss: von Trauerfällen unter Freunden und Familienangehörigen bis zu den Naturkatastrophen- und Kriegsopfern in der Welt. Mein empfindsames Gemüt kann das nur schwer ertragen, und so würde ich mir bei aller Gleichgültigkeit abschließend etwas von dir wünschen.

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Natur: Wie lautet dein Wunsch?

Mensch: Ich wünsche mir, wenigstens ein einziges Mal eine Entschuldigung von dir zu hören. Eine Entschuldigung für das Leid, konkret für die bevorstehende Auslöschung meiner Liebsten und meiner selbst.

Natur: Ach Menschlein, diesen Wunsch kann ich dir nicht erfüllen. Zwar kann ich jetzt etwas besser nachvollziehen, in welchem existenziellen Dilemma du dich wähnst, doch eine Entschuldigung setzt Schuld voraus – eine Wertung, mit der ich nichts anfangen kann. Hier schließt sich der Kreis zum Gesprächsbeginn.

Mensch: Schade.

Natur: Eigentlich ist es nicht schade, wenn ich logisch darüber nachdenke. Immerhin habe ich mit dem Menschen ein fühlendes Wesen erschaffen, gewappnet mit Selbstbewusstsein und Empathie. Aus deinen Worten spricht großes Mitgefühl, sowohl für deine Spezies als auch für dich selbst. Du kannst es nutzen und etwas unbeschreiblich Tiefes vollbringen: Du kannst mir vergeben.

Mensch: Dir vergeben?

Natur: Ja. Du kannst mir dafür vergeben, dass ich dich und all deine Geliebten töten werde. Wenn dir jener Sprung über den eigenen Schatten gelingt, wirst du etwas verwirklichen, wozu ich selbst nicht fähig bin. Somit wirst du etwas finden, das über die Natur hinausweist und in letzter Konsequenz nicht an den Tod gebunden ist. Hier liegt deine Freiheit, auch wenn du sie nicht immer siehst.

Mensch: Hm, darüber muss ich nachdenken. Natur, lass uns im Gespräch bleiben!

„Gefällt mir“ – und dir?

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