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Grenzen

Ist es dir schon mal passiert, dass du über einige Wochen hinweg immer wieder einen Wunsch geäussert hast? Grund dazu war vielleicht dein bevorstehender Geburtstag, Weihnachten, ein Jahrestag oder der Abschluss einer Ausbildung. Immer wieder hast du deine Gedanken und dein Bedürfnis geäussert. In deinen Ohren war dies klar, deutlich, unmissverständlich.

«Die blauen Ohrringe, im Schaufenster beim Juwelier vorne an der Ecke, die gefallen mir einfach mega.»

Doch was passiert am grossen Tag? In der schönen Schachtel zeigt sich dir beim Öffnen ein roter Herzanhänger aus dem Kaufhaus am anderen Ende der Stadt. Du bist enttäuscht und etwas traurig, fühlst dich weder gehört noch wichtig genug und es schmerzt dich. Sowieso sind Herzen so gar nicht dein Ding und auf rot reagierst du allergisch. Andererseits zeigst du dich natürlich erfreut, denn hey, du hast ein Geschenk erhalten. Da «kannst du dich doch nun mal nicht so anstellen und ein Drama machen» und überhaupt ist Undankbarkeit eine Tugend, die in der Gesellschaft ungern gesehen wird.

Verdammt nochmal (und nein, ich entschuldige mich nicht für meine Worte): Du bist es wert, zu bekommen, was du dir wünscht und nicht, was für den Schenkenden gerade leichter zu besorgen ist. Sonst soll er es doch lieber gleich sein lassen.

Stimmt, persönlich bin ich kein besonderer Fan von Geschenken. Zu dafür vorgesehen Anlässen schenke ich in der Regel nix – glaub mir meine innere Stimme hält das immer noch kaum aus – auch wünsche ich mir keine Dinge zu Geschenke-Tagen. Was ich benötige kaufe ich mir, gerne auch Exklusives, denn schliesslich lebe ich genau einmal und das ist jetzt.

Doch was mich wirklich auf die Palme bringt? Das Gegenteil von zu schenken oder geschenkt zu bekommen, als der klar geäusserte Wunsch war. Es ist für mich unverständlich, wie Bedürfnisse einfach übergehen werden können als wären sie unsichtbar.

Fragst du dich langsam, was meine Worte mit Trauer und Sterben zu tun haben?
Nun, das ist ganz simpel: Wenn Menschen und ihren Bedürfnissen bei Banalitäten keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, wie sollen wir

dies erst im Angesicht des Todes tun? Dann, wenn wir aufgrund der unglaublichen Dimension dieser Erfahrung schlicht keine andere Wahl haben, als auf Automatismen zurückzugreifen.

Wer also zu Lebzeiten über klar geäusserte Bedürfnisse von Menschen hinwegtrampelt, dem wird es schwerfallen, dies in Krisen anders zu handhaben. Doch ist es wirklich, was du möchtest? Einem Menschen, der gerade verliert, was er über alles liebt – sei dies sein Leben oder eine geliebte Person, ein treues Tier, seinen Job oder etwas anderes, was ihm persönlich sehr wichtig war – seine Wünsche zu verwehren? Willst du wirklich deine eigenen Bedürfnisse über seine stellen? Wir Menschen sind supersoziale Menschen und kaum einer tut dies mit bösen Hintergedanken. Wir halten es einfach schlicht kaum aus, keine Hilfe leisten zu können. Was bei Verlusten irgendwie der Fall ist, wenn wir es von nah betrachten.

Besonders in Trauer ist es alles andere als leicht, eigene Wünsche überhaupt zu erkennen und zu wissen, was uns gut tun könnte. Wie du jedoch helfen kannst, ist durch aktives Zuhören und dazu passendem Handeln. Vielleicht kannst du dabei unterstützen, dass ein klar geäussertes Bedürfnis erfüllt wird. Sei dies ein Essen, ein Schlafplatz, etwas Ruhe und Rückzug. Vielleicht kannst du das auch nicht aktiv begleiten. Das ist okay.

Doch heute richte in der Stimme jedes Trauernden, für den gerade die ganze Welt einfach so zusammenbricht, einen grossen Wunsch an dich. Bitte respektiere stets die Grenzen anderer Menschen. Auch wenn du diese für dich ganz anders steckst, sind sie für dein Gegenüber alles, was er hat. Übergehe sie auch dann nicht, wenn du eine Idee «soooo schön» findest, obwohl sie das komplette Gegenteil von dem ist, was sich dieser Mensch von dir wünscht.

Spende das Geld an den gewünschten Ort, statt damit etwas zu kaufen, was du für richtig hältst. Du kannst es auch ohne schlechten Gewissens einfach sein lassen und dir damit die Blumen selbst kaufen, die du für das Grab spenden wolltest, obwohl klar kommuniziert wurde, darauf bitte verzichtet werden soll. Erfreue dich an der Schönheit der Natur und gedenke dabei gerne der Personen in deinem Herzen. Das ist vollkommen okay, du darfst das. Dem Menschen, welcher trotz oder gerade wegen seiner aktuellen Situation klar seine Bedürfnisse äussert, einzureden versuchen, dass du besser weisst, was für ihn gut ist. Auch wenn es das Gegenteil ist, von dem was er dir mitteilt. Das lasse bitte einfach sein.

Dafür danke ich dir von Herzen. Im Namen jedes Menschen, der Verlust erlebt. Also im Namen aller Menschen.

„Gefällt mir“ – und dir?

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