Was ist denn wichtig beim Trauern? – Die Gemeinschaft

Kolumne 'Leid & Freud'

leid und freud Trauerbegleitung Bestatter Bestatterin Alexandra Kossowski
Kolumne 'Leid und Freud'
Alexandra Kossowski ↻ Kolumne 'LEID & FREUD'

Neulich im Trauercoaching:
Ich spreche mit einer Kundin über Rituale. Darüber, wie andere Kulturen trauern. Darüber, dass viele Menschen heutzutage gar nicht wissen, was Trauer eigentlich ist.

Sie hat darüber nachgedacht und fragt mich in der zweiten Sitzung, was uns denn heutzutage zum Trauern fehlt. Ich sage: „Die Gemeinschaft.“

Wir sprechen über die Trauerklage, in der Menschen, meist Frauen, zusammen kamen bzw. auch „gebucht“ wurden, um den*die Verstorbenen zu beklagen.
Wir sprechen über Judentum und Islam, wo Trauernde als festes Ritual über mehrere Tage, wenn nicht sogar Wochen, nicht alleine gelassen und Zuhause von Familie, Freunden und Nachbarn versorgt werden. Sie dürfen das Haus nicht verlassen in dieser Zeit. Die Trauer bekommt so viel Raum, dass man gar nicht anders kann, als sich damit auseinanderzusetzen.

„Es braucht ein Dorf…“

Kennt Ihr den Satz „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“? Ich glaube, dass es ebenso ein Dorf zum Trauern braucht.

Die meisten meiner Kundinnen berichten, dass sie nach ca. drei bis sechs Monaten nicht mehr wissen, mit wem sie über die Trauer reden können. Manche haben direkt nach dem Verlust niemanden.
Familie wohnt weiter weg, Freunde haben ihr eigenes Leben und während des Lockdown ihre eigenen Probleme.

Wer nach ein paar Wochen nicht wieder fit am Schreibtisch sitzt, mit dem stimmt etwas nicht.

Früher trug man ein Jahr lang Trauer. Das Umfeld wusste „Aha, da ist etwas passiert“. Heutzutage sagen wir „unsere Trauer geht niemanden etwas an. Das ist privat“. Als Außenstehende*r will man sich Trauernden auch nicht aufdrängen.

Und ich denke, hier liegt das Problem. Trauer ist eben nicht nur privat. Trauer kennt jede*r. Jeder Mensch wird in diesem Leben einen geliebten Menschen verlieren. Ob durch Trennung oder durch den Tod. Jeder Mensch wird sterben und muss irgendwann selbst Abschied vom Leben nehmen.

Wir reden nicht darüber. Es wird zwar schon mehr, aber es reicht noch nicht.

fotografierende – pexels

Religiöse Rituale fallen weg

Früher war alles mehr oder weniger in einen religiösen Zyklus eingebunden. Ich erinnere mich noch an das katholische Sechswochenamt, nachdem die Tante meiner Tante gestorben war. Der Name der Verstorbenen wird nach sechs Wochen im Gottesdienst nochmal genannt. Und im Gottesdienst beten und singen wir gemeinsam.

Ich persönlich bin zwar froh über die Lösung von kirchlichen Wurzeln, aber was brauchen wir stattdessen?

In der Bestattung werde ich oft gefragt „Ja, was macht man denn jetzt normalerweise?“
Auf die Antwort „Was möchten Sie denn machen?“ starre ich oft in fragende Gesichter.

Sich gesehen und gehört fühlen

In der finnischen Trauerklage ist es ein ganz wichtiger Punkt, dass man den*die Klagende*n nicht unterbricht, ihn*sie sieht, ihm*ihr zuhört. Dass man seine*ihre Trauer bezeugt. Dass man die Gefühle der*des anderen aushält und trägt ohne etwas zu tun.

Ich glaube, wir haben das verlernt. In allen Lebenslagen. Aushalten, miteinander sein. Miteinander sitzen, auch in Stille. Etwas zu Essen bringen. Da sein.

Es geht nicht darum, etwas Ungeschehen oder besser zu machen. Jede*r Trauernde weiß, dass die Situation nicht änderbar ist. Aber wie mit allen Gefühlen, wollen wir gehört, gesehen und akzeptiert werden. Ohne uns erklären zu müssen. Ohne etwas leisten zu müssen. Ohne Aha-Erlebnisse haben zu müssen.

Ich gehe manchmal in meine Coachings und denke „hoffentlich hat die Kundin gleich ein tolles Aha-Erlebnis, das sie weiterbringt“. Und dann lächle ich in mich hinein und erinnere mich an das, was so viele sich wünschen: „einen Raum, in dem jemand mit mir aushält, dass ich traurig bin und ich einfach mal weinen darf.“

Dass es uns Trauerbegleiter*innen, -coaches und –therapeut*innen gibt, ist super. Und gleichzeitig sind wir der Ausdruck der fehlenden Gemeinschaft. Wir werden zu Raumhalter*innen und Aushalter*innen, weil sie im Alltagsleben mittlerweile sehr oft fehlen.

Wie können wir Gemeinschaft kreieren für Trauernde? Wo können wir in Gemeinschaft trauern? Wo dürfen wir vollkommen wertfrei lamentieren und klagen?
Was meinst Du?

„Gefällt mir“ – und dir?

↻ Kolumne 'LEID & FREUD'