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Bild Goa Giri pufri Bali
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Goa Giri Putri

Wie eine Wasserzeremonie auf Bali meiner Trauer und mir ein neues Leben schenkte

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3 min Lesezeit

“Sorry, I can’t!” Bedauernd lächle ich Wayan an. Der freundliche balinesische Guide und ich stehen vor einem Loch in einem Hügel. Der Eingang zum Tempel Goa Giri Putri. Das war es dann mit Reinigung und Heilung, denke ich.

Was war nur los mit mir? Ich war extra früh aufgestanden, hatte mich auf ein Schnellboot von Bali nach Nusa Penida mit anderen Touristen gequetscht, um jetzt, so kurz vor dem Ziel, das Handtuch zu werfen. Festgefroren betrachte ich nochmal das dunkle Loch. Für ein zweijähriges Kind war das vielleicht kein Problem, für mich schon. Mein Körper signalisierte mir eindeutig: Nein! Dass die anderen Tempel-Besucher anscheinend problemlos durch dieses Loch krabbeln können, nehme ich zwar wahr, hilft mir aber auch nicht weiter.

Ich gebe Wayan ein Zeichen, dass ich wieder gehe. Beim Abstieg von dem kleinen Berg, den ich gerade schon hochgestiegen bin, kommt mir das Gespräch mit meiner Trauer in den Sinn.

“Ich vermisse dich, wenn ich dich nicht sehen kann.“ klagte ich meiner Trauer mein Leid. Auf Bali war ich den ganzen Tag draußen unterwegs. Meine Trauer konnte ich aber nur in meinem Hotelzimmer sehen, da sie unsichtbar ist. Das erschwerte unsere Kommunikation, die mir, nach dem Einzug meiner Trauer, so wichtig geworden war.

“Dann denke doch einfach an mich.” Meine Trauer nahm einen Schluck von ihrer frischen Kokosnuss.

“Das ist mir zu generisch,” nörgelte ich weiter. “Was ist, wenn die balinesischen Götter das falsch verstehen und ich dann auf eine australische Trauer in meinem Zimmer treffe?“ “Das ist was dran.” Nachdenklich stellte meine Trauer ihre Kokosnuss auf mein Nachtkästchen. “Dann lass es uns doch so machen. Jedes Mal, wenn du Kontakt zu mir brauchst, denkst du folgenden Satz: ‘In dem Becher mit dem Fächer…’ und ich antworte dir telepathisch ‘…ist der Wein gut und rein.’ “ Ich war gerührt, dass meine Trauer sich ein Filmzitat aus einem Lieblingsfilm meiner Mutter ausgesucht hat.

Nach der Pleite vor dem Eingang zum Tempel, suche ich, wie abgemacht, den Kontakt zu meiner Trauer:

“In dem Becher mit dem Fächer…”

Prompt kommt die Antwort: “…ist der Wein gut und rein.”

Plötzlich muss ich an meine depressive Episode denken. Eine Zeit, in der ich in meinem ganz persönlichen dunklen Loch lebte. Damals wehrte ich alle Kommunikationsversuche meiner Trauer vehement ab. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass wir uns je etwas Wichtiges zu sagen hätten. Und jetzt buche ich mir extra einen Tagestrip, um noch mal in ein dunkles Loch zu klettern? Kopfschüttelnd gehe ich zum Parkplatz des Tempels.

“Come with me!” Wayan hat mich in der Zwischenzeit eingeholt und winkt mir, dass ich ihm folgen soll. Ein schmaler Pfad schlängelt sich durch einen tropischen Dschungel entlang des Hügels, in dem der Tempel liegt. Wieder geht es in den kleinen Berg geschlagene Stufen hinauf. Zu meinem großen Erstaunen stehen wir auf einmal vor dem Hintereingang des Tempels. Mit seiner 20 Meter Breite und zehn Meter Höhe ist das die weitaus angenehmere Variante, um in die heiligen Steinhallen zu kommen.

Vor einem kleinen Altar nehmen Wayan und ich in einer Gruppe Besuchern von anderen Tempel Platz. Ein Priester chantet heilige Verse und unzählige brennende Räucherstäbchen vernebeln die bereits klamme Luft. Mir wird schwummrig.

“In dem Becher mit dem Fächer…”

“…ist der Wein gut und rein.”

Erleichtert atme ich auf und schließe meine Augen. Wie in einem Film laufen jetzt alle anderen Geschichten, die ich nach der depressiven Episode mit meiner Trauer erlebt habe, ab. Die Erinnerungen an einen lachenden Delfin, eine große Liebe, die ebenfalls auf Bali begann und meinen Auszug aus meinem Elternhaus, treiben mir Tränen in die Augen. Sie vermischen sich mit einzelnen Wassertropfen, die von der Decke der Höhle auf mich fallen.

Intuitiv spüre ich, wie sich ein großes Kapitel mit meiner Trauer schließt.

“In dem Becher mit dem Fächer… “

“…B R Z …”

“In dem Becher mit dem Fächer… “ Sorry – no Connection.

Verwirrt öffne ich die Augen. Was ist mit der Verbindung zu meiner Trauer passiert?

Der Priester fährt ungestört mit seiner Prozession fort. Literweise heiliges Wasser ergießt sich auf die nun stehenden Tempel-Besucher und mich. Es fühlt sich an, als würde ich einmal in der Isar ertrinken und gleichzeitig gerettet werden.

“Drink!” Wayan fordert mich auf das heilige Wasser zu trinken, ich nehme einen kleinen Schluck. Das gesegnete Wasser trennt meine Trauer von mir und schafft einen neuen Raum. Raum, den ich auf einmal mit einem eigenständigen Leben füllen möchte. Meine Trauer könnte doch auch ihr eigenes Leben leben. In ihrer eigenen Wohnung. Oder sie macht endlich die Weltreise, die sie schon immer machen wollte. Ich versuche noch mal die Verbindung zu meiner Trauer aufzubauen:

“In dem Becher mit dem Fächer…”

“… …“

Wir müssen reden. Ich und meine Trauer. Über meine Zukunft und ihre. Aber nicht jetzt.

Nicht hier. Später…

Irene Kasapis, gebürtige Münchnerin und Autorin. Sie schreibt Geschichten aus ihrem Leben mit der Trauer, um die Sichtbarkeit zum Thema Trauer zu erhöhen und darauf aufmerksam zu machen, dass die Trauer ein lebenslanger Begleiter ist. “Schreiben ist für mich eine Art von Therapie. Wenn ich meine Geschichten schreibe, dann beginne ich mich selbst besser zu verstehen.”

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