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Tuur Tisseghem Pexels

Resonanz mit Literatur

Buchrubrik zu Endlichkeitsthemen mit Tom Schröpfer

In der Buchrubrik Beginnen wir am Ende nimmt Tom Schröpfer Literatur als Startpunkt für die Auseinandersetzung mit den Themen Abschied, Sterben, Tod und Trauer.

Was kann Literatur? Wo hilft sie beim Abschiednehmen? Und welche Themen lassen sich mit ihr verhandeln?

Ein Buch oder mehrere vor mir – und auf geht’s. Von solchen Ausgangspunkten möchte ich mich in dieser Rubrik mit Themen rund um unsere Endlichkeit, die Trauer, den Tod und das Leben damit beschäftigen. Ich bin gespannt auf die Sprungbretter, in welche Ozeane sie mich tauchen lassen und welche Schwimmstile sie mir abverlangen werden.

Für den Anfang begebe ich mich aber in mir bekannte Gewässer und stelle die Literatur selbst ins Zentrum der Auseinandersetzung. Denn neben der aufklärenden und Horizonte erweiternden Funktion, die mancher Trauerratgeber mit sich bringt, fasziniert mich seit jeher das Potenzial von Romanen und Erzählungen. Wie sie uns Wegbegleiter und Unterstützer sein können. Und wie sie uns in Zeiten der Einsamkeit beistehen.

Damit ich diesen Bogen spannen kann, zäume ich das Pferd von hinten auf und erläutere einige Aspekte im Umgang mit Trauer, bevor ich an zwei Beispielen erkläre, was aus meiner Sicht fiktive Erzählungen als Trauerbegleiter leisten können.

Im Umgang mit Trauer geht es in den wenigsten Fällen darum, etwas zu überwinden oder hinter sich zu lassen. Auch wenn mit voranschreitender Zeit letztlich auf etwas zurückgeblickt werden kann, hilft vielen Trauernden beim Verarbeiten des Todes eines geliebten Menschen eher die eigene Trauer ins Leben zu integrieren, statt sie hinter sich zu lassen. Wofür der Mensch stand und was für ihn empfunden wurde, kann Bestandteil des weiteren Lebens bleiben, wenngleich die bisherige Beziehung eine tiefgreifende Veränderung erfährt.

Die erste Zeit der Trauer ist beim Tod eines nahe stehenden Menschen häufig mit Fassungslosigkeit angesichts der Radikalität des Todes verbunden. Dass selbst bei lang angekündigten Lebensenden von Menschen in hohem Alter der Tod für Angehörige häufig als plötzlich eintretend empfunden wird, liegt vor allem an der Absolutheit des Todes. Selbst wenn zuvor nur noch winzige Lebenszeichen zu erkennen waren, oder ich mir nur eingebildet habe, auf meine Berührungen folgten Reaktionen, so sind diese Momente dennoch Antworten. Mit dem Tod bleibt dann jede Antwort aus. Ich kann es mir noch so sehr wünschen, im Grunde ist mir klar: egal, was ich jetzt mache, eine Antwort wird nicht kommen. Was fehlt, ist Resonanz.

In dieser Situation sind wir mit zwei existenziellen Krisen konfrontiert: Zum einen fehlt da dieser Mensch, von dem doch bislang etwas ausging. Zum anderen fehle ich. Das Gefühl lebendig und in-der-Welt zu sein, ist im wesentlichen geprägt vom Widerhall meines Ichs von anderen. Aber wenn da niemand ist, von dem etwas widerhallen kann, laufe ich ins Leere. Die vermeintliche Floskel „auch etwas von mir ist gestorben“, kommt nicht von ungefähr.

Jetzt nicht den Boden zu verlieren, gehört zu den ersten Aufgaben, die die Trauer uns abverlangt. Einerseits ist es in Ordnung, die Leere zu spüren, schließlich zeugt sie von der Bindung, die wir hatten. Andererseits gilt es weiterhin die eigene Lebendigkeit zu erfahren, indem wir an anderen Orten und in anderen Personen widerhallen. Aber wie soll es uns gelingen anderweitig Anklang zu finden, wenn wir erfüllt sind von Leere, Fassungslosigkeit und Unverständnis? Wenn wir selbst kaum etwas senden, auf das andere konstruktiv reagieren könnten.

Bestätigung und vermeintlich schlichte Begleitung, sind in diesen Gefühlslagen häufig das Einzige, wofür wir empfänglich sind. Plattitüden wie „Das Leben geht weiter“ oder „Andere haben das auch geschafft“ helfen kaum, können sogar verstörend sein. Den Schmerz gemeinsam aushalten, ihn nicht wegwischen, ihn sein lassen, nicht klein machen – das sind Reaktionen, die eher Anklang finden.

Die Bestätigung und Akzeptanz der unterträglichen Situation, kann ein erster Schritt, ein Türöffner sein, um selbst wieder in Resonanz mit der Außenwelt zu gehen, ohne dabei die eigene Trauer kleinzuspielen. Deshalb kann es so entscheidend sein Austauschpartner*innen zu haben, ob familiär, freundschaftlich oder professionell begleitet. Doch für manche bedeutet bereits ein solcher Kontakt in der ersten Zeit der Trauer zu viel inneren Aufwand.

In solchen Fällen empfehle ich gern einen guten Roman, der sich explizit mit Trauer beschäftigt.

Natürlich kann ein Leseerlebnis nicht den Kontakt mit anderen Menschen ersetzen. Nein, Literatur hat andere Qualitäten, die meines Erachtens besonders in solchen Situationen zum Tragen kommen.

Bücher bieten auf ihre stille Weise einen wesentlichen Aspekt von Trauerbegleitung an: eine unaufdringliche Einladung. Die Einladung nicht allein zu sein und Bestätigung zu erfahren. Ein Roman, der Trauer als Kernthema bearbeitet, bietet die Möglichkeit, die eigene Situation zu ertragen und anzunehmen und sie gleichzeitig etwas von sich fernzuhalten, wenn sie zu belastend wird. Je nach dem, wohin es mich innerlich gerade zieht, kann ich mich auf die Thematik einlassen und so meiner Trauer Raum geben. Oder ich folge ganz den Figuren und ihrer Welt und kopple das fremde Geschehen von mir ab.

Zwei Romane empfehle ich dabei in letzter Zeit besonders gern, weil ihnen die beschriebene Einladung ausgesprochen gut gelingt. Sarah Kuttners vierter Roman Kurt und Jasmin Schreibers Debütwerk Marianengraben.

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Kurt erzählt die fiktive Geschichte einer kleinen Wahlfamilie, die mit dem Tod des sechsjärigen Kurt konfrontiert ist. Die Figurenkonstellation und das zunächst augenscheinliche Thema, die Trauer um ein verstorbenes Kind, sind in ihrer Auswahl zwar sehr spezifisch, dennoch gelingt es Sarah Kuttner die Gefühle und Ereignisse, die die Familie durchleben, so zu beschreiben, dass Trauer als Thema auch für Leser*innen anschlussfähig bleibt, die andersartige Verluste erlebt haben. Das schafft sie, indem sie die Geschichte durch die Augen der neuen Partnerin des Vaters von Kurt erzählt. Lena kennt den kleinen Kurt zwar seit seinem zweiten Lebensjahr, erlebt zu Beginn des Romans aber erst seit kurzem einen Alltag mit ihm und seinem Vater. So wie Lena die Räume des neu erworbenen Hauses im ländlichen Brandenburg erst noch ausbaut und einrichtet, sucht sie auch ihren Platz im Alltag und der neuen Familienkonstellation mit Kurt. Sein Vater kennt seine Rolle, die in Berlin lebende Mutter die ihre, nur Lena ringt um ihre Befugnisse, beißt sich auf die Lippen wenn die Wertvorstellugen von Kurts Mutter mit ihren kollidieren, oder das Näheverhältnis zum Jungen irgendwo zwischen Kumpel und Kuschelpartner pendelt. Damit ist Lena per se als suchende, unsichere Figur geschrieben, die einen passenden Umgang mit sich und den anderen in einer noch auszuhandelnden Situation finden muss. Dann stürzt Kurt vom Klettergerüst und stirbt.

In der Trauer um ihn intensiviert sich Lenas Suche nach ihren Rechten, Pflichten und Aufgaben. Wem kann sie wie nahe kommen? Wie kann sie die leiblichen Eltern unterstützen, wo ist sie zu viel? Wann lässt sie Raum, wann interveniert sie und was ist mit ihrer eigenen Trauer? Darf auch sie Zuwendung erwarten?

Die Konflikte, die sich an ihr entladen und ihre innere Zerrissenheit, bieten hohes Identifikationspotenzial für viele, die schon einmal einen nahen Menschen betrauert haben oder miterleben mussten, wie ein geliebter Mensch von Trauer überwältigt wird. Die Momente, in denen Lena und Kurts Vater über die Emotionen der ersten Wochen nach Kurts Tod sprechen, gehören zu den stärksten Passagen des Romans, weil sie in der gegenseitigen Bekundung von maximaler Unsicherheit bei gleichzeitig tiefster Zuneigung füreinander, die Akzeptanz von Trauer als Schmerz auf eindrückliche Weise begreiflich machen.

Neben den schlicht gehaltenen Dialogen, führt auch die gut inszenierte Verschränkung von Inhalt und Form des Romans zu Lesemomenten, in denen ein Verständnis für Trauer aufblitzt. So tragen beispielsweise Kurt und sein Vater den selben Namen, was anfangs etwas verwirrend wirkt, im Laufe der Erzählung aber immer wieder dazu führt, bestimmte Sequenzen verschieden deuten zu können. Im Epilog führt es sogar dazu, dass die beschriebene Szene zunächst sowohl als Erinnerung, als auch als Vorausblick gelesen werden kann. Damit verleiht Sarah Kuttner dem diffusen Gefühl von unkontrollierbaren Erinnerungsfragmenten im Weiterleben durchfahren zu werden, eine literarische Entsprechung.

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In ein sehr anderes Setting nimmt uns Jasmin Schreibers Marianengraben mit. Hier folgen wir der Ich-Erzählerin Paula, die zu Beginn des Romans bereits seit längerem um ihren jüngeren Bruder Tim trauert und in Folge dessen sogar in eine anhaltende depressive Lebenshaltung geraten ist. Beim nächtlichen Besuch an Tims Grab lernt Paula unfreiwillig Helmut kennen, der gerade die Urne seiner Lebensgefährtin Helga ausgräbt. Gemeinsam fliehen sie vom Friedhof, etwas von Helgas Asche landet auf Paulas Kleidung, die sie in Helmuts Wohnung vorsichtig auswaschen. Über Umwege machen sich Paula und Helmut letztlich zu einem gemeinsamen Trip in die Alpen mit Helmuts Wohnmobil auf, um ein Versprechen einzulösen, das Helmut Helga vor ihrem Tod gab. Ein etwas konstruiertes und dennoch gelungenes Grundsetting für eine Roadtrip-Erzählung, in der die Protagonistin durch Helmut einen neuen Umgang mit ihrer Trauer findet.

Auch hier sind die Rahmenbedingungen und die Figurenkonstellation also wieder sehr spezifisch. Aber auch Jasmin Schreiber gelingt es bestimmte Aspekte der Trauer so in ihrer Geschichte zu verhandeln, dass sie verallgemeinerbar und für Menschen mit anderer Trauer nachvollziehbar werden. Denn Paula leidet vor allem an Schuldgefühlen. In der Trauer um den Menschen, zu dem sie in ihrem Leben die engste Bindung hatte, verfängt sie sich in dem Gefühl zum Zeitpunkt seines Todes nicht dagewesen zu sein. Die höchst irrationale Tatsache, dass sie sich vorwirft, ihn nicht vor dem Ertrinken gerettet zu haben, als er mit ihren Eltern im Urlaub war, während sie zu Hause blieb, zeigt die Massivität, mit der Traueremotionen uns überwältigen können. Angesichts des inneren Drucks scheint Paula unter Schockstarre zu stehen, aus der sie aus eigener Kraft nicht mehr herausfindet. Nur langsam und mit letztlich sehr direkter Art, gelingt es Helmut Paula in innere Bewegung zu bringen, die sie neue Perspektiven auf den Tod ihres Bruders und das Leben damit einnehmen lässt. Obwohl die Kapitelüberschriften vom tiefsten Punkt des Marianengrabens bis zur Oberfläche des Meeresspiegels nummeriert sind, und Paula demnach langsam aus ihrem Druck auftaucht, zeigt die Struktur der Erzählung immer wieder auch den realistischen Rückfall in ihre vertraute Depression. Auf kuriose Begebenheiten während der Fahrt, oder kurze Einblicke in Helmuts Persönlichkeit, folgen wiederkehrende Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Tim, seine kindliche Neugier und das tiefe Verständnis zwischen den Geschwistern. Die Erzählperspektive rückt somit noch näher an die Figur Paula, was die Nachvollziehbarkeit ihrer Empfindung fördert, denn die Ich-Erzählerin adressiert keine allgemeine Leserschaft, sondern ganz konkret immer wieder Tim. Fast scheint es, als blickten wir in ein Tagebuch.

So bleibt auch die Schwerfälligkeit der Hauptfigur emotional nachvollziehbar. Erst sehr spät im Handlungsverlauf gelingt es ihr, das eigene Weiterleben nicht mehr als Verrat an der Liebe zu Tim zu begreifen und die Erinnerungen an ihre innige Beziehung nicht allein mit negativen Gefühlen des Verlusts zu bedecken.

Kurt und Marianengraben können in der ersten Zeit der Trauer deshalb so hilfreiche Geschichten sein, weil sie konkrete Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit einer Situation und Gefühlen bieten, die im eigenen Erleben gerade schwer formulierbar und im Wortsinne un-fassbar sind. Im besten Fall entdecken wir in ihnen Emotionen, die den unseren ähneln, die wir wiedererkennen. Und wenn uns auf diese Weise ein kleines Stück Resonanzerfahrung gelingt, kann Literatur ein guter Trauerbegleiter sein.

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