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In die Finsternis schauen

Todesangst überwinden

Ipicgr - Pixabay

Ich werde sterben. Diese Feststellung wiegt schwerer als alles andere in der Welt. Noch denke, fühle und kommuniziere ich, doch schon in wenigen Jahrzehnten – wenn überhaupt – werde ich mein Bewusstsein verlieren und in die Finsternis gerissen. Mein Körper, den ich liebe und wie selbstverständlich bewege, wird reglos daliegen, als Objekt, das kein Subjekt mehr ist. Ich werde nie erfahren, was aus meinen Kindern und Enkeln wird, aus der Menschheit, der Erde und dem Kosmos. Alles wird weitergehen, ohne mich. Das ist hart, so hart wie der Tod einer jeden anderen Person. An dieser Stelle gilt für uns alle gleichermaßen das „Ich“.

Mein Sterben hat begonnen

Schon jetzt zeigt mein Körper erste Anzeichen von Verfall, wenn auch nur winzige. Im Prinzip hat mein Sterben längst begonnen. Nicht falsch verstehen: Ich bin nicht krank, noch nicht einmal sonderlich alt. Aber die Todesangst verfolgt mich an jedem Tag. Das Bewusstsein um meine Sterblichkeit ist wie ein Schatten, der sich nicht abschütteln lässt. Dadurch, dass ich den Dingen gerne tiefer auf den Grund gehe, will ich ihn auch gar nicht abschütteln. Ich will in die Dunkelheit hineinblicken, anstatt mich von ihr wegzudrehen. Ich will sie verstehen, zumindest ein kleines bisschen. Vielleicht gelingt es mir auf diese Weise, eine neue Perspektive zu finden. Vielleicht kann ich so auch anderen ein wenig Trost spenden.

Das Problem ist, dass die meisten tröstenden Modelle für mich entfallen: Ich finde keinen Halt in Religion oder Spiritualität, weil mich die Modelle eines vom Körper entkoppelten Weiterlebens der Seele nach dem Tod nicht überzeugen. So, wie ich meine Existenz mit all ihren sinnlichen Phänomenen erfahre, muss ich annehmen, dass mein Körper und meine Seele eine untrennbare Einheit bilden. Die Seele wird demnach mit dem Körper sterben, worauf ich mich einstellen will.

Es gibt auch alternative Angebote, um Atheisten zu trösten. Besonders eindrucksvoll hat der Psychotherapeut Irvin D. Yalom solche Ideen in seinem Buch „In die Sonne schauen“ zusammengetragen. Dazu gehören beispielsweise die Lehren des griechischen Philosophen Epikur, der von einer sterblichen Seele ausging. Nach Epikur hätten wir nichts zu befürchten, denn im Tod würden wir nichts wahrnehmen und nichts vermissen. Es würde einfach wieder wie vor unserer Geburt sein. Yalom hebt auch hervor, welche Wellen des Weiterwirkens wir durch unsere Existenz auslösen können. Außerdem – das rechne ich dem Autor hoch an – gesteht er seine eigene Angst vor dem Tod ein. Geht es uns nicht allen so?

Die trotzige Stimme in mir

Bücher wie diese regen zum Nachdenken an, allerdings muss ich ebenfalls etwas gestehen: Sie lassen mich meist unbefriedigt zurück. Ich finde keinen Trost darin, nach dem Tod nichts zu vermissen und in einen vorgeburtlichen Zustand zurückzukehren. Nicht einmal mein Wissen um die biologisch-evolutionäre Notwendigkeit des Todes beruhigt mich. Im Gegenteil. Eine trotzige Stimme in mir ruft umso lauter: Ich will aber nicht sterben! Ich will weiterleben, das ist doch mein Programm als Lebewesen.

Was ist mit den Wellen, dem posthumen Weiterwirken in der Welt? An sich finde ich es wunderbar, dass meine Kinder voraussichtlich länger leben und meine Gene weitergeben werden. Vielleicht gelingt es mir zudem, einen Bestseller zu schreiben, der noch in 500 Jahren begeistert gelesen wird. Nicht zu vergessen die kleinen, subtilen Wellen: einen Satz oder eine Geste, durch die ich einen anderen Menschen bewege. Alles gut, nur würde ich einerseits gerne etwas davon miterleben – weiterleben! Andererseits wird selbst die stärkste Welle schwächer und schwächer, bis sie endet. Dieses Schicksal steht unserem ganzen Universum bevor: Langsam, aber sicher, steuert es seinem Tod durch Erfrieren, Zerreißen oder Kollabieren entgegen. Spätestens dann wird auch alles Leben erloschen sein.

Widerständig und neugierig bleiben

Der Gedanke an eine solche allumfassende Vergänglichkeit und Gleichgültigkeit kann jeden Lebensmut rauben. Als Autor mit Hang zur Romantik reagiere ich darauf mit Melancholie. Ich neige dazu, den Sinn von allem in Frage zu stellen, da sowieso alles vergehen wird. Manchmal denke ich daran, den paradoxen Zustand des Sich-seiner-Sterblichkeit-bewusst-Seins vorzeitig aufzulösen, um die damit verbundene emotionale Folter zu beenden. Das hätte eine beißende Ironie. Als Existenzialist bleibe ich jedoch widerständig und neugierig, gewillt, meine kurze Zeit im Licht produktiv zu nutzen. Ich will mich weiter mit dem Tod befassen, tiefer blicken und das Wissen anwenden, das mir im Hier und Jetzt zur Verfügung steht.

An dieser Stelle frage ich mich: Ist der Gedanke an den Tod der Seele wirklich schon zu Ende gedacht? Was ist das eigentlich: die ewige Finsternis, die ich so fürchte? Diese Fragen sind für mich entscheidend, denn sie wirken sich auf die Zuversicht aus, mit der ich mein Leben lebe und anderen sterblichen Wesen begegne.

Was ist die ewige Finsternis?

Wenn ich mich trotz allem an das Unbeschreibliche heranwage, dann stelle ich zwei Dinge fest: Erstens meine ich mit „Finsternis“ genauer einen Zustand des Unbewusstseins, des Nichtwahrnehmens von Phänomenen. Zweitens beschreibt „ewig“ weniger eine Endlosigkeit, mehr ein Verweilen im Außerzeitlichen. Dort, wo Uhren versagen, ergibt es keinen Sinn, noch Kriterien von Sekunden oder Jahrtausenden anzulegen. Das passt sogar ganz gut zur modernen Physik, die die Variable Zeit weitgehend aus ihren Formeln verbannt hat. Zeit scheint keine Rolle zu spielen, wenn es um das grundsätzliche Wesen unseres Universums geht.

Ich begebe mich also spekulativ in die zeitlose Unbewusstheit hinein. Was bedeutet es, in diesem Zustand zu verweilen? In jedem Fall bedeutet es absolute Machtlosigkeit, Passivität zu einhundert Prozent. Näher lässt sich dieses Nichts auch nicht beschreiben. Als existierender Beobachter habe ich aber den Vorteil, außerhalb jenes Zustandes zu sein und ihm mit meiner unmittelbaren Erfahrung des Lebens etwas gegenüberstellen zu können. Im Grunde habe ich das Unfassbare vollbracht: durch Passivität aus dem Zustand des Nichtseins in eine Existenz zu fallen. Zuerst war ich nicht, dann war ich, noch nicht als das Ich, das ich momentan bin, aber von Anfang an als ein individuelles Lebewesen.

Die zwei Finsternisse

Diese Individualität werde ich mit dem Tod wieder aufgeben müssen: dem Individualtod in Umkehrung zu meinem biologischen Werden. Danach folgt das nächste Nichts. Durch meine kurze Zeit im Licht kann ich zwar weiterhin nicht mehr über den Zustand des Nichtseins sagen, aber eines weiß ich mit Sicherheit: Ich habe allein durch meine Existenz die ewige Finsternis in zwei Finsternisse aufgeteilt. Bildlich stelle ich mir vor, wie eine gewaltige Axt in die Schwärze schlägt und einen Spalt hinterlässt, durch den gleißendes Licht dringt. Das ist meine Existenz: strahlend, auffallend, einen Unterschied machend, jedoch sanft entstanden, ohne Axt, da der Zustand des Nichtseins jedem Gewaltakt widerspricht.

Ouroboros von Rezende – Pixabay

Ein fragiler Zustand

Wenn ein Existent-Werden ohne jegliches Zutun möglich ist, dann kommt mir der Verdacht, dass die ewige Finsternis kein sonderlich stabiler Zustand sein kann. Sie muss im Gegenteil hochgradig empfindlich und veränderlich sein, weitaus mehr als das Element Wasser, das zur Naturgewalt werden kann, aber an sich ein passives Element ist. Ich stelle mir vor, dass das Nichtsein wie Wasser in Potenz ist: ein so fragiler Zustand, dass er in sich selbst kollabiert. Nur so kann ich mir das Existieren aus der Nichtexistenz heraus erklären. Gleichzeitig wird mir damit verständlicher, warum unser aller Dasein so instabil ist: weil aus einem fragilen Zustand wie dem Nichtsein kein konstantes System hervorgehen kann. Das Sein verbleibt am Chaosrand, wie ein komplexes Gebilde gemäß der System- und Chaostheorie.

Parallel zu diesen Gedanken bemerke ich ein starkes Gefühl: Zum ersten Mal in meiner Auseinandersetzung mit dem Tod verspüre ich Zuversicht. Wenn meine endliche Existenz aus einem höchst fragilen Grundzustand hervorgeht, dann kann ich ab sofort mit meiner eigenen Endlichkeit mitfühlen – und folglich mit der Endlichkeit eines jeden Lebewesens. Existenz könnte anders gar nicht sein. Auch erahne ich dann, dass es nicht bei dieser einen Endlichkeit bleiben wird, ebenso wenig, wie es bei einer Finsternis bleibt. Das jenseitige Nichts mag ohne Bewusstheit und Zeit sein, was gleichgültig und sinnlos ist, aber auch regel- und grenzenlos. Es gibt dort buchstäblich nichts, das die Ordnung des Nichtseins aufrechterhält. Stattdessen denke ich an die alten Mythen, die ein dunkles Chaos als aller Dinge Anfang wähnen. In diesem Nichts, in dem nichts wirklich ist, ist alles möglich, weil sich den Möglichkeiten nichts entgegenstellt. Die Dunkelheit kann grundlos in sich selbst kollabieren und dadurch „Störungen“ jeglicher Art verursachen: Universen, Galaxien, Sterne, Planeten … und uns Lebewesen. Ich kann gut damit leben, eine solche Störung zu sein, die Teil einer größeren Störung ist. Die trotzige Stimme in mir ruft nun etwas anderes: Ich lebe! Mein Ich findet in seiner bloßen Existenz einen Sinn, der im Kontrast sowie in dynamischer Wechselwirkung zum gleichgültigen Nichts steht.

Es brodelt in der Leere

Ein ähnliches Nichts kennen wir innerhalb unseres Kosmos: das Vakuum, das nahezu den gesamten Raum des beobachtbaren Universums einnimmt. Die Quantenfeldtheorie legt nahe, dass selbst diese Leere nicht völlig leer ist, sondern durchsetzt von spontan entstehenden und vergehenden Teilchen, den sogenannten Vakuumfluktuationen. Man könnte sagen: Es brodelt in der Leere. Etliche Physiker gehen davon aus, dass unser gesamtes Universum einer solchen Fluktuation entsprungen ist – aus dem Nichts heraus. Möglicherweise ist unser Blick in die Weiten des Weltalls zugleich ein Blick in die Tiefen des Seins und Nichtseins.

Auch die merkwürdige Natur der Quanten weist Parallelen zum fragilen Nichtsein auf: Sie sind für sich genommen keine realen Teilchen, sondern außerzeitliche Wahrscheinlichkeiten. Sobald aber ihre potenziellen Existenzen beobachtet werden oder mit anderen Potenzen wechselwirken, kollabieren die Wahrscheinlichkeiten und bilden eine handfeste Wirklichkeit. Dieser Prozess zeigt, wie fragil Quantenzustände sind: Ihre Beobachtung genügt, um sie zu Fall und damit in ein zeitlich befristetes Dasein zu bringen. Mir scheint, dass diese Fragilität das Wesen aller Existenz ist.

Der existenzielle Schlaf

Wenn ich nun wieder an meine kurze Zeit im Licht denke, dann sehe ich sie in einem anderen Licht. Ich bin dankbar dafür, aus einem fragilen Nichts entstanden zu sein, unabhängig davon, ob es sich um Zufall oder ein schöpferisches Mitwirken handelt, das sich niemals ausschließen lässt. Ob es wieder zu einem mir ähnlichen Ich-Zustand kommen wird, ist nochmal spekulativer als alles zuvor Spekulierte. Aber warum eigentlich nicht? Die Wahrscheinlichkeit ist gering, doch die Wahrscheinlichkeit, dass unser Universum durch Zufall so geworden ist, wie es ist, liegt ebenso fast bei null. In einem zeitlosen Grundzustand, der jede Möglichkeit zulässt, wird sich meinem nächsten Ich nichts in den Weg stellen. Theoretisch muss es früher oder später kommen, nur, dass es für mein gestorbenes Ich kein „früher oder später“ gibt. Wenn, dann wird es wie ein Erwachen nach einer unbestimmt langen Nacht sein. Ich möchte den Tod deshalb als einen existenziellen Schlaf bezeichnen.

Sein und Nichtsein

Der Gedanke ähnelt Nietzsches Philosophie der Ewigen Wiederkunft, die bildlichen Ausdruck in der sich selbst verzehrenden Schlange Ouroboros findet. Mir gefällt dieses Bild, denn es gibt mir die Möglichkeit, nicht nur mit Schrecken den tödlichen Schlangenbiss zu erwarten, sondern das dynamische Zusammenwirken von Werden und Vergehen im Blick zu behalten. „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“, hat Hamlet in Shakespeares Drama monologisiert. Nach meinen Überlegungen möchte ich ihm erwidern: Sein und Nichtsein, das ist meine Antwort.

Ich werde sterben, und du wirst auch sterben. Ich habe noch immer Angst, aber ein paar Ideen, die mir helfen. Vielleicht regen sie dich zu weiteren Gedanken an. Vielleicht bringen sie uns während unserer kurzen gemeinsamen Zeit im Licht ins Gespräch, sodass es nicht bei einem Monolog wie bei Hamlet bleibt. Das würde mich freuen.

„Gefällt mir“ – und dir?

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