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Henrys Wahlfamilie

lakaban unsplash
Alexandra Kossowski
Alexandra Kossowski ↻ Kolumne 'LEID & FREUD'

Manchmal, wenn wir mit Tod, Trauer und Sterben zu tun haben, bahnen sich „sonderbare Zufälle“ und Begebenheiten an.

Vor genau zwei Jahren habe ich Henrys* Mutter beerdigt. Unser Bestattungsunternehmen war noch nicht mal offiziell geboren, aber wir griffen einer befreundeten Bestatterin unter die Arme, die krank war. Henry war ein alter Freund von ihr. „Alex, Eure Nachnamen sind so ähnlich, das passt voll“ hatte sie damals zu mir am Telefon gesagt.


Henry hatte gerade erfahren, dass seine Mutter verstorben war. Allein in ihrer Wohnung. Es gab kaum noch Familie und selbst Henry war nicht regelmäßig da. Eine alteingesessene Berliner Familie und die Wohnung war Henrys Elternhaus. Er zeigte mir sein altes Kinderzimmer, als wir dort waren.

Es wurde eine kleine, stille Beisetzung in Berlin Kreuzberg. Wir suchten eine blau-weiße Urne mit Fußball-Motiv aus, denn Henry und seine Familie waren eingefleischte Hertha-Fans. Zur Beisetzung gab es blau-weiße Blumen. Mit meiner Kollegin, Henry und mir waren noch drei andere Personen da. Nachbarn, wenn ich mich recht erinnere.

Dann wurde es still um Henry, denn Corona hatte uns alle fest im Griff. Er konnte seiner Arbeit viele Monate nicht richtig nachgehen. Treffen fielen aus, Fußballspiele usw.

Seine Mutter war Ende Juli verstorben und wurde am 1. September beigesetzt. Ende Juni, genau zwei Jahre später, erreichte mich die Nachricht, dass nun Henry verstorben ist. Auch er war alleine in seiner Wohnung nicht mehr aufgewacht.

… eine kleine Maschine versprühte Seifenblasen.
congerdesign pixabay

Unsere befreundete Bestatterin fragte, ob wir bei der Beisetzung assistieren könnten. Na klar. Ich wäre sowieso hingegangen. Sie fand Ende August statt, genau zwei Jahre nach der Beisetzung seiner Mutter. Auf demselben Friedhof. Und zum ersten Mal waren wir zu dritt da, mit unserer neuen Mitarbeiterin. Wieder so eine Art Neugeburt nach zwei Jahren. Und dazu hätte noch mein Vater am selben Tag Geburtstag gehabt.

Es kamen über 200 Menschen. Freunde und Freundinnen. Fußballkumpel. Rockabillies. Bandkolleg*innen. Kreuzberger Originale. Gespielt wurde unter anderem Kiss und Agnostic Front. Die Kapelle war ein Blumenmeer an Kränzen und Gestecken mit Schleifen von allen möglichen Cliquen, Gruppen und Vereinen. Banner mit Henrys Namen hingen vor der Kapelle. Ausgesucht hatten sie eine blau-weiße Urne mit Fußballmotiv. Eine kleine Maschine versprühte Seifenblasen. Am Grab gab es Gin Tonic.

Ich bin immer noch gerührt. Zutiefst. Ich war nur zwei Mal mit Henry Kaffee trinken, zwei Mal haben wir uns in der Wohnung seiner verstorbenen Mutter getroffen. Damals brachte ich ihm blau-weiße Trauerkarten. Er war unser erster Kunde. Und wenn wir uns in Kreuzberg in der Oranienstraße trafen, fühlte ich mich wahnsinnig konservativ zwischen all den coolen Menschen in leicht abgewrackten Kneipen und Cafés.

… am Grab gab es Gin Tonic
tchompalov unsplash

Ich stand in der Kapelle und Tränen schossen mir in die Augen bei dem Gedanken, dass unter den 200 Gästen von Henrys Beisetzung keine Familie war. Zumindest keine „Blutsverwandtschaft“. Es war seine Wahlfamilie.

Meine Arbeit konfrontiert mich immer wieder mit meinen eigenen Ur-Ängsten. Ich habe wahnsinnig große Angst davor, alleine zu sterben bzw. dass niemand zu meiner Beisetzung kommen wird. Es geht nicht um Quantität. Es geht um die Frage: Wer wird um mich weinen?

Was ich auch schon oft beobachtet habe, ist, dass die Familie eine Beisetzung ganz anders ausrichtet, als Freund*innen es tun würden. Meine Familie kennt meine Freunde gar nicht, da ich 500 km entfernt lebe und mich einfach in einem Umfeld bewege, dass meiner Familie komplett fremd ist.

Egal, ob oder wie Ihr verwandt seid: Macht Euch Gedanken, wer Euch beerdigen soll und wie. Macht eine Bestattungsverfügung.
Klar freue ich mich, wenn meine Familie an meinem Grab steht. Aber planen und ausrichten sollen meine Beisetzung meine Freunde. Meine Wahlfamilie, mit der ich täglich unterwegs bin.

Wer Eure Wahlfamilie ist und wie groß sie ist, das entscheidet ihr.
Zu Lebzeiten.
Also jetzt.

*Henry heißt in Wirklichkeit anders, ich habe seinen Namen hier geändert. Aber ich glaube, „Henry“ hätte ihm gefallen.



Nutzt gerne, unsere Letzte Reise Checkliste für die Planung Eures Abschieds bzw. Eurer Beisetzung:
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