Über die Dichtkunst &

die geschriebenen Werke des Todes

Über die Dichtkunst - Poesie im Gras
Bilder Stephanie Mauer
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Es gibt viele Möglichkeiten seine Trauer zu bewältigen, eine davon ist sich im Schreiben auszudrücken. Stephanie Mauer, weiß was es bedeutet einen Verlust verkraften zu müssen und die Heilung im Schreiben zu finden.

Sie blieb nach dem Suizid ihres Lebenspartners allein mit ihrem Sohn zurück und versuchte einen Weg zu finden mit der Trauer umzugehen. Seither verleiht sie ihrer Trauer Ausdruck und schreibt Texte und Gedichte rund um die Gefühlswelt eines Trauernden.

Was macht das mit dem, der zurückbleibt? Wie reagieren die anderen? Und wie reagiert man als Betroffener auf so etwas wie Mitleid und Ratschläge der Außenstehenden? Wie schafft man es, die Trauer zuzulassen und daran womöglich sogar zu wachsen? Und gibt es das eigentlich – den besten Weg zu trauern?

Die Trauer und die geschriebenen Werke des Todes

Wer trauert, fühlt sich oft nicht verstanden, hilflos und ausgegrenzt vom Alltag und dem „normalen Leben“. Trauernden fehlen oft die Worte, dennoch möchten sie ihrer Trauer einen speziellen Ausdruck verleihen. Poesie ist neben dem therapeutischen Schreiben eine Möglichkeit davon.

Die vorherige Bindung zu dem verstorbenen Menschen bekommt durch die eigenen formulierten Texte, oftmals eine neue Form und der Trauernde kann der Erinnerungen an den Verstorbenen oder die Gefühle über dessen Verlust, somit einen Rahmen geben.
So kann die Verbindung, die innerlich in verwandelter Form weiter besteht, äußerlich aber verkannt ist, auf eine andere Art weiter bestehen.

Zu schreiben, bietet in der Trauerkrise und -verarbeitung einen Spiel- und Übergangsraum für den eigenen individuellen Ausdruck der Gefühle, wie z.B. Wut, Schuldgefühle etc.
Seine Gefühle aufzuschreiben, hilft langfristig und nachhaltig und hat bei Verlusten vielerlei Vorteile. Schreibt der Trauernde also regelmäßig, kann er in seinen „Werken“ einen zuverlässigen Begleiter für sich finden.

Schreiben kann man an jedem Ort und es kostet nur Stift und Papier

Stephanie Mauer

Es ist verlässlich – auch nach der Therapie und zwischen Therapiesitzungen, um die Zeit zu überbrücken oder neue Erkenntnisse und Verarbeitungsprozesse zu integrieren oder zu vertiefen. Schreiben bietet den Trauernden oft ein Ventil, ist eine Entlastung und verleiht starken Gefühlen einen ganz persönlichen Ausdruck.

Auch der Trauerbegleiter und die Angehörigen bekommen einen persönlichen Eindruck über den momentanen Gefühlszustand des Trauernden und dessen Verarbeitungsprozesses.
Die Poesie lässt den Trauernden sich mit seinen tiefen Gefühlen beschäftigen und führt nicht nur zum Ausdruck derer, sondern auch zu einem Perspektivwechsel über die Trauer.

Was passiert, wenn wir Gefühle nicht ausdrücken?

Als Heilpraktikerin im Bereich der Physiotherapie weiß ich um die psychosomatischen Erkrankungen die mit Trauer, Verlust und unterdrückten Gefühlen zusammenhängen und sich letztendlich in Körpersignalen ausdrücken. Egal ob Kopfschmerzen, Verspannungen oder Herzerkrankungen die durch nicht gelebte Gefühle wie Wut, Ärger, Enttäuschung entstehen oder einfach große seelische Spannungen, Stress und auch Trauer.

Bei extremen Belastungen die über längere Phasen andauern wird es problematisch, wenn wir keine Ruhepausen mehr finden oder unsere Gefühle unterdrücken, statt sie herauszulassen. Unser Körper wird uns immer Signale geben, wenn wir aus dem Gleichgewicht geraten. Wir müssen unsere Seele und unseren Körper wieder verbinden. Um gesund zu bleiben, brauchen wir Spannung und Entspannung – durch Krankheiten zwingt uns sonst der Körper auf seine Weise zu Ruhe und Rückzug.

Verbinde wieder deinen Körper mit deiner Seele, und lasse die Emotionen herausfließen aufs Papier

Stephanie Mauer

Wie oft stehst du da, mit den vielen Gefühlen und weißt nicht, wohin damit?
Weist nicht wie du sie geordnet bekommst. Keiner will sie haben. Du fühlst dich unverstanden und fühlst dich allein mit deiner Trauer.
Wir verstecken uns oft hinter einer Maske und überspielen unsere Gefühle und obwohl unsere Gedanken und Gefühle nichts wiegen denken wir oft, dass wir darunter fast zerbrechen.

Also drücke dich aus. Sei alles, was du fühlst, Liebe, Traurigkeit, Wut und alles dazwischen.
Trauern ist „Arbeit“ und ein langer Weg der Selbstreflexion, der Veränderung und der Auseinandersetzung mit den Schattenthemen und -seiten des Lebens. Jeder hat seine eigene individuelle Art seine Gefühle zu verarbeiten und auszudrücken.

Trauer ist zwar ein natürlicher Prozess und eines der ältesten Gefühle, genau wie die Liebe, aber wenn uns der Tod trifft, ändert es einfach alles. Trauer bedeutet nicht loszulassen, sondern dem Verstorbenen einen neuen Platz im eigenen Leben zu geben. Wir müssen verarbeiten was wir erleben, weil wir uns sonst unser Innerstes zurückhalten und nicht selten dann davon krank werden.

Niemand kann dir genau sagen, wie du mit deiner Trauer umgehen sollst. Jeder hat seine persönliche Definition von Glück, von Liebe und auch von Trauer. Um deine Trauer zu bewältigen, geh nach innen, höre dir selbst zu, den die Antwort findest du nur in deinem eigenen Herzen.

Für die Heilung deines Herzens gibt es keine Abkürzung.

Ein Leitsatz und Wegweiser, den sich Stephanie selbst kreierte und der sie bis heute durch ihre Trauer begleitet.

Ich finde mich im Schreiben, ich kann durch das Aufschreiben meine Gefühle besser beschreiben, sie reflektieren und ordnen. Ich kann mir bewusst machen was gerade in mir vorgeht oder was ich über bestimmte Emotionen denke. Den Schmerz bewusst zu spüren hilft mir ihn so auch wieder gehen zu lassen. Nicht nur in der Trauer, auch bei Liebeskummer oder anderen Verlusten ist das ähnlich.
Stephanie schreibt Texte über Sehnsucht, Verletzlichkeit, Dunkelheit, Sanftmut, das sind nur kleine Werke des Todes, wie sie ihre Dichtkunst gerne nennt.

Ich sammle meine Werke in meinem Herzen und dann fließen sie aufs Papier … ich male mit meinen Worten ein Bild von mir selbst, um es noch einmal von einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Warum schreiben wir?

Menschen schreiben, um …
• sich mitzuteilen.
• ihre innere Welt zu erkunden.
• sich auf eine Reise zu sich selbst zu begeben.
• dem Schmerz oder schwierigen Erfahrungen etwas entgegenzusetzen.
• Frieden zu finden und Wunden heilen zu lassen.
• die Hoffnung festzuhalten und sich ihrer später zu erinnern.

Möglichkeiten, warum wir schreiben gibt es noch viele. Nicht alle beziehen sich auf ein Problem. Manchmal stellen wir uns schreibend einer Herausforderung, die durchaus positive Aspekte besitzt. Persönlichkeitsentwicklung, Achtsamkeit und Selbstfürsorge spielen eine wichtige Rolle beim Schreiben. Genauso ist es bei der Trauerbewältigung im Zusammenhang mit der Poesie. Wie jede Krise bietet Trauer aber auch die Chance zu persönlicher Entwicklung. Trauer kann stark verändern, lässt reifen, macht resilienter und kann dem Leben eine neue Richtung geben. Dazu muss das Verlorene aber emotional einen guten Platz finden und das kann durchaus mit einem eigenen Poesieband entstehen.
Die Gedanken entscheiden über dein Leben. Also ordne sie, schreibe sie auf, reflektiere und geh raus und lebe die beste Version deines Selbst.

Ganz egal, wie viel Zeit vergeht, die Trauer trifft dich manchmal unangekündigt wie ein Erdbeben. Ein Moment, eine Erinnerung und viele kleine Nachbeben, von denen du nie weißt, wann sie wiederkommen. Der Tod veränderte mich und meine Ansicht auf das Leben und die Welt grundlegend.
Ein Verlust, der schmerzte und den ich verarbeiten musste. Mein Umgang mit mir und meinen Gefühlen wurde nur noch intensiver und tiefgründiger. Wenn mich die Trauer wieder aus heiterem Himmel überkommt, versuche ich meinen Herzschmerz aufs Papier zu bringen. Selbst wenige Zeilen können schon befreiend wirken. Ich nehme mir dann bewusst Zeit und Raum für meine Trauer. Bringe meine Gedanken zu Papier und habe danach auch wieder Zeit im Alltag besser zu funktionieren.
In bestimmten Situationen sind ein paar Zeilen der Ausdruck der Traurigkeit, genau das, was ich brauche, um zu begreifen, zu akzeptieren, einen Augenblick stillzuhalten und dann weiterzumachen in aller Liebe, die mir hier auf Erden zur Verfügung steht. Achtsamer denn je.

Verschließe nicht dein Herz, weil es schmerzt, bleibe offen für die schönen Dinge dieser Welt.
Unsere Erde braucht Menschen, die mit ihrem Glauben und der Hoffnung, dass alles aus Liebe und durch die Liebe lebt dazu beitragen das unsere Welt zu einem besseren Ort wird.
Lebe deine Trauer, wie es für dich passt. Fühle, weine, sei traurig … und nachdem du alles herausgelassen hast, lass Dankbarkeit in dein Herz fließen, dass diese Person ein Teil deines Lebens sein durfte.

Egal, was, dir hilft, deine Trauer zu überstehen. Tue es! Schreibe, meditiere, schreie, mache Sport oder reise. Tue das, was dir guttut, denn nur das wird dich zukünftig wieder leben und lieben lassen.
Vielleicht möchtest du heute einfach einmal ein paar Zeilen aufs Papier bringen …

Stephanie Mauer

„Gefällt mir“ – und dir?

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