Die normale Reaktion

auf abnormales Verhalten

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Alexandra Kossowski ↻ Kolumne 'LEID & FREUD'

Ich schaute neulich „Wisdom of Trauma“, einen Film über einen Arzt in den Staaten (oder war es Kanada?), der sich eindrücklich mit Trauma, dessen Entstehung und Verarbeitung beschäftigt.

Dr. Maté –selbst 1945 in Budapest geboren und traumatischen Erlebnissen durch die Nationalsozialisten ausgesetzt- sagt

So much of what we call abnormality in this culture is actually normal responses to an abnormal culture.

Dr. Gabor Maté

Unsere Gesellschaft hat also einen abnormalen Umgang mit Gefühlen und Emotionen entwickelt. Ein Beispiel aus dem Film: Was tun wir, wenn Kinder wütend sind? Wir sagen ihnen, dass sie sich beruhigen sollen.

Warum bringen wir ihnen nicht bei, wie man mit Wut umgeht und dass Wut einfach ein Anzeichen dafür ist, dass wir mit etwas in unserem Leben nicht übereinstimmen, dass etwas nicht so läuft, wie wir es für richtig halten? Warum lernen wir nicht, dass Wut eine ganz natürliche Reaktion ist?

Wir haben ein ungesundes Verhältnis entwickelt zu allen Emotionen und Stimmungen, die wir als „schlecht“ bewerten. Dazu zählen meiner Meinung nach Wut, Traurigkeit, depressive Verstimmungen, Unzufriedenheit, etc.

Schau mal bei Dir selbst:

Welche Gefühle möchtest Du nicht haben und welche versteckst Du vielleicht sogar vor Deinem Umfeld?

Das Unterdrücken (lateinisch: deprimere, siehe „Depression“!) oder Verstecken dieser Gefühle hat zur Folge, dass wir einen wichtigen Teil von uns unterdrücken oder sogar wegsperren.

Gefühle sind aber nicht „aufteilbar“, d.h. ich kann auf Dauer nicht nur die „schlechten“ Gefühle unterdrücken, sondern entweder alle oder keine.

Eine Depression bspw. wird als „innere Leere“ beschrieben. Alle Gefühle werden unterdrückt. Natürlich nicht bewusst, sondern unbewusst.

Depressionen, Suizide, ADHS, Sucht sind auf dem Vormarsch

Ob es ein Zufall ist, dass diese Krankheiten und Verhaltensweisen zunehmen? Vor allem bei jungen Menschen?

In meiner Traumaweiterbildung haben wir ebenfalls die Theorie diskutiert, dass fast die Hälfte aller Menschen, die bspw. mit ADHS oder Borderline diagnostiziert werden, vermutlich in der Kindheit ein Trauma erlebt haben.

Und Trauma bedeutet nicht nur körperliche Gewalt. Ein emotionales Trauma, bspw. durch emotionale Vernachlässigung wiegt genauso schwer.

Ihr erinnert Euch noch an die Lehrbücher aus dem letzten Jahrhundert, in denen Müttern beigebracht wurde Kinder auch mal schreien zu lassen, sie nicht im Ehebett schlafen zu lassen und sie nicht mit zu viel Aufmerksamkeit zu verwöhnen?

All das kann bei Kindern zu einem emotionalen Trauma (und Bindungsstörungen) führen.

Kinder lernen von klein auf, dass sie nicht sicher sind, es nicht wert sind geliebt zu werden usw. Diese unerträglichen Gefühle lassen sich durch Drogen, Alkohol, Konsum, Sex, Essen, Spielen leicht verdrängen bzw. besser aushalten.

Aber sie sind dadurch nicht weg. Sie stauen sich im Körper auf.

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Und was hat das mit Trauer zu tun?

Wir sollen nicht weinen. Nicht traurig sein.

„Das Leben geht weiter“

„Du kannst noch mehr Kinder haben“

„Die Zeit heilt alle Wunden“

„Langsam ist es aber gut mit der Trauer“

Auch als Trauernde begegnen uns oft Versuche, uns aufzuheitern, die Trauer „wegzumachen“, uns wieder aufzuheitern.

Wir haben nicht gelernt (und lernen nicht), dass Trauer ein Anpassungsprozess ist, der mit all seinen Gefühlen und Stimmungen (Wut, Depression, Verleugnen, Freude, Akzeptanz, etc.) gefühlt werden will. Und wie lange das dauert weiß niemand, denn es ist für jeden Menschen unterschiedlich. Selbst von einem Trauererleben zum anderen, beim selben Menschen.

Wie können wir Gefühle fühlen lernen?

Still werden. Meditieren. Ablenkung abstellen (warum will ich essen, spielen, einkaufen, etc?) Ggf. Hilfe suchen bei der Bewältigung von Ablenkungsstrategien oder Suchtverhalten.

Gedanken aufschreiben.

In die Natur gehen, spazieren, laufen, Bewegung/Sport generell. Darüber sprechen.

Atemübungen und alle anderen Übungen, die uns helfen uns wieder mit dem Körper zu verbinden. Das kann auch ein Bad sein. Yoga (es gibt auch traumasensitives Yoga)

Übungen, die das Nervensystem beruhigen, generell zur Ruhe kommen, abends oder in der Freizeit.

Bücher lesen statt soziale Medien oder Internetsurfen.

Der Film wird immer mal wieder gestreamed. Weitere Infos dazu findest du unter The Wisdom of Trauma* und Übungen, um dein Nervensystem zu beruhigen unter nachfolgenden Link zu traumasensitiven Yoga*.