Neues Jahr, Neues Tier

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Sonja Tschöpe
Sonja Tschöpe ↻ Kolumne 'UMGESCHMINKT'
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Kürzlich habe ich in meiner Instagram Story ein Foto einer in meinem Schoß ruhenden Katze gepostet. Es dauerte nicht lange und mich erreichten die ersten private Nachrichten. „Sonja, gibt es eine neue Katze in deinem Leben?“ Mischu ist seit August 2020 nicht mehr bei mir. Könnte ja sein, dass… Als ich verneinte und mitteilte, dass dieser zauberhafte Haustiger meinem Stiefbruder gehören würde, konnte ich die Enttäuschung bei den Empfängern spüren. Denn so lieb ich Katzen habe und so sehr ich mir wieder einen Schnurrgenerator in meinem Zuhause wünschen würde, die Zeit und die Umstände passen einfach nicht.

„Wann darf ein neues Tier eigentlich einziehen?“

Für mich eine sehr einfach zu beantwortende Frage. Wenn das Herz bereit ist! Man spürt es einfach. Und doch klingt das leichter, als es dann für Mann oder Frau zu erkennen ist. Vieles hängt damit zusammen, wie tief man noch in der Trauer drinsteckt. Als mein Hamster Gizmo starb, wurde ich von einem inneren Drang in das nächste Zoofachgeschäft gezogen und habe ohne groß zu überlegen den nächstbesten Hamster (Jerry) geholt. Während Gizmo freundlich und zutraulich war, war Jerry das totale Gegenteil. Er war bissig, scheu und egal wie sehr ich mich bemühte, wir wurden kein Team. Ich habe diesen vorschnellen Kauf wirklich viele Jahre bitter bereut, weil ich mir damals erhofft habe, dass mit einem Neueinzug die Trauer geht. Ein neues Tier würde mir Freude schenken und mir dabei helfen, den Verlust zu verarbeiten. Pustekuchen!

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Was aber, wenn in einer Partnerschaft ein Part sofort wieder Ja sagen will, der andere aber noch nicht soweit ist? Einen solchen Fall habe ich im Rahmen einer Trauerbegleitung erlebt. Meinen Schülern erzähle ich von diesem Erlebnis in jeder jährlichen Fachfortbildung zur Sterbebegleitung beim Haustier. Der geliebte Hund musste erlöst werden, noch nicht mal so alt, aber leider unheilbar krank. Während das Herrchen, für den dieser Hund das allererste Tier in seinem Leben war (er war zu der Zeit bereits Rentner), tief in der Trauer steckte und auch jeden Tag auf den Tierfriedhof ging, steckte seine Lebensgefährtin es anders weg.

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Sie war es, die nach 2 Monaten einen Pflegehund aufnahm. Diese Aufnahme war zwar angedacht gewesen, zumindest hatte man darüber gesprochen, aber er hatte stets betont, noch nicht so weit zu sein. Und dann war er da, dieser kleine Yorkshire-Terrier aus einem ausländischen Tierheim. Er sollte in Deutschland ein neues Zuhause finden und bis dahin bei dem Paar leben. Für ihn brach mit dem Einzug des Hundes die Welt weiter auseinander. Es kam ihm wie ein Verrat an seinem verstorbenen Hund gleich. Nun war da nicht nur der Verlust, hinzu kam ein großer Graben zu seiner Frau. Er verfasste seine Gefühle in einen Brief, den er mir (ich betreute über den Tierfriedhof das Paar in ihrer Trauer) zuschickte. Als ich den Brief gelesen hatte, griff ich zum Telefon und rief sie an. Bislang war er Redeführer gewesen, doch diesmal nahm sie am Ende der Leitung ab. Er sei nicht da, wäre in seiner Jagdhütte schon seit einigen Tagen. Ich wurde nervös. Seine Frau schien meine Gedanken zu erraten und beruhigte mich. Er würde sich sicher nichts antun. Sie erzählte mir sodann zum ersten Mal von ihren Gefühlen. „Wissen sie, ich vermisse Charly so sehr wie er, aber ich gehe anders damit um. Und dieser kleine Hund ist nicht Charly. Er ist ganz anders. Aber er braucht Hilfe und ich glaube, auch Charly wäre dafür, dass wir uns für Tiere einsetzen. Er soll auch gar nicht hierbleiben, doch bis er ein Zuhause findet, soll er zumindest wissen, dass nun ein neues Leben für ihn beginnt.“

Beide durchlebten den Verlust von Charly anders. Beide versäumten dabei eines: Miteinander wirklich über ihre Gefühle zu sprechen. Jeder beschritt einen anderen Weg der Trauerarbeit. Nach diesem Telefonat versuchte ich noch einige Male beide zu erreichen. Vergebens. Und dann kommt etwas, was ich nur sehr schwer bei solchen Geschehnissen kann: Ich muss abschließen. Es fiel mir schwer, weil ich nicht wusste, was aus ihm, seiner Frau und dem Yorkshire-Terrier wurde. Irgendwann, es muss ein Jahr später gewesen sein, trat der Tierfriedhof auf mich zu und lud mich zu einem Fest ein. Leider kollidierten andere Termine, doch ich fragte den Mitarbeiter, was eigentlich aus dem Herrn von Charly geworden wäre. „Der? Er arbeitet ehrenamtlich hier und begleitet Menschen in ihrer Trauer. Und an seiner Seite der kleine Yorkshire-Terrier, den er und seine Frau übernommen haben.“

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Im Falle meiner Mischu wäre mein Herz schon lange soweit, aber die Vernunft nicht. Unser junger Hund füllt unseren Alltag reichlich aus. Wenn wir reisen oder zu meinem schwerkranken Vater fahren, brauchen wir immer jemanden, der die Tiere übernimmt. Das klappt dank Mehrgenerationenhaus gut, doch werden meine Schwiegereltern auch nicht jünger. Bei lieben Freunden ist es ähnlich. Die letzten 4 Jahre war man aufgrund des hochbetagten Hundes urlaubsbedingt stark eingeschränkt. Der Alltag erforderte es für alle, dass man raus muss, auch mal weg will – und wenn es nur 3 Wochen in den Sommerferien ist. Hundeurlaub in einer Ferienwohnung in Holland – doch die 3stündige Fahrt wurde auch für den alten Hund zur Tortur. Und das sich neu orientieren gestaltete sich immer schwieriger. Kurz vor Weihnachten starb Emilio. Sein Platz bleibt vorerst leer, auch wenn 3 Stimmen sich ein neues Tier wünschen und eine erstmal Luft haben mag. In Beziehungen oder in Familien ist es eine gemeinsame Entscheidung, die jeder mittragen sollte – vor allen Dingen die Erwachsenen! Und dann ist es bei Hunden, bei Katzen, aber auch bei gewissen kleinen Heimtieren so, dass man mit mindestens 10 Jahren Verantwortung rechnen muss. Habe ich diese Zeit? Oder möchte ich mir andere Wünsche erfüllen? Passt die Katze auch dann in meine Pläne, wenn ich vielleicht in 4 Jahren den Prinzen treffe und Kinder möchte?

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Und manchmal finden die Tiere auch uns…

Als Mischu zu uns kam, waren wir eher nebenbei auf der Suche. Ich hatte zu dieser Zeit noch 5 Kaninchen und unsere Tochter war 1,5 Jahre alt. Im Social Media teilte eine Bekannte eine Anzeige, dass eine Katzenoma sich im Tierheim aufgab. Ich habe schon oft solche Annoncen weiter geteilt und auch schon zuhauf meinem Mann gezeigt. Als ich das jedoch diesmal tat, sagte er, wir sollten sie besuchen fahren. Mischu fand uns und es hätte keinen schöneren Weg und besseren Zeitpunkt geben können.

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Auch so können neue Tiere einziehen, wenn es einen Verlust (oder in unserem Fall einen Platz) gab. Und ich glaube, dass in solchen Momenten wirklich ganz laut das Herz aus jeder einzelnen Pore mit uns spricht und JA schreit! Ja, zu einem neuen tierischen Familienmitglied an unserer Seite.

„Gefällt mir“ – und dir?

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