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Kolumne Ungeschminkt - Sonja Tschöpe

„Ein Tier beim Sterben begleiten?“

Kolumne 'Ungeschminkt'

Ein Tier beim Sterben begleiten?

Das ist eine Reaktion, die es häufig gibt. Sehr wertschätzend fand ich kürzlich das Statement eines Arztes in einem Fachkreis, dem ich zum Thema „Sterben wie ein Hund“ beiwohnen durfte. Er war ebenso überrascht (wie einige andere), dass man selbst Tiere beim Sterben begleiten kann und fand das durchaus positiv. Denn natürlich klingt das erstmal suspekt. Man denkt oft, dass ein Tier, wenn es denn soweit ist, euthanasiert wird. „Immerhin dürfen wir es da ja tun!“ Das ist auch ein Satz, den ich oft von tierlosen Menschen höre, die sich die Sterbehilfe im Humanbereich ebenso wünschen würden.

Doch wie begleitet man ein Tier beim Sterben? Und wann weiß man, dass es so weit ist? Eine Glaskugel habe ich nicht, doch es gibt verschiedene Symptome, die man durchaus deuten kann. Oft sind es sehr alte, sehr betagte Tiere, die mir vorgestellt werden. Manchmal mit schweren Pathologien und einer therapeutischen Begleitung, die nur noch bedingt anschlägt. Ihre Menschen wissen meist, worauf es hinauslaufen wird. Aber sie sagen dazu nichts. Es wird verdrängt. Ein Selbstschutz, um stark zu bleiben.

Ich höre mir dann den Lebenslauf an, prüfe die Symptome, die Befunde, die Diagnosen. Ich checke was bereits getan wird und wo man anpassen könnte. Ich empfehle oft auch noch Möglichkeiten, aber ich bin immer ehrlich. „Es kann sein, dass das Tier sich auf eine Reise in ein neues Abenteuer macht.“

Der Sterbeprozess wurde beim Menschen sehr gut beobachtet und festgehalten. Für mich eine der führenden Beobachter war die Ärztin Dr. Elisabeth Kübler-Ross. Aus ihren Büchern habe ich viel mitgenommen, was man 1:1 auch so beim Tier umsetzen kann. Lebewesen ist Lebewesen. Nun gibt es kritische Blicke, die das natürliche Sterben eines Tieres als fahrlässig ansehen. Als Qual für Mensch und Tier, bei denen der Mensch das Problem darstellt. Er kann nicht loslassen. Bei dem man auch dem Tier in diesem Prozess des Sterbens unterstellt, das wäre alles andere als schön und sehr schmerzhaft. Durch die Beobachtung und Begleitung des menschlichen Sterbens weiß man aber, dass es meist nur für die Begleiter schwer ist es zu ertragen. Denn das Sterben gestaltet sich, wie auch der Prozess wenn Leben entsteht, von der Befruchtung des Ei bis zur Geburt, in unterschiedlichen Phasen. Diese können unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Vorozheeva – pexels

In einer der ersten Phasen finden wir Veränderungen in der Verdauung und Nahrungsaufnahme vor. Entweder das Tier frisst maßlos, hat einen unstillbaren Appetit und neigt danach leider auch zu Erbrechen oder Durchfall. Oder aber es verweigert das Futter, ganz gleich was vorgesetzt wird. Diese erste Phase wird sehr oft einer akuten Magen-Darm-Verstimmung zugeordnet. Man geht zum Tierarzt und lässt das Tier untersuchen. Vollkommen richtig, denn es kann ja auch wirklich eine simple Verdauungsstörung sein.

“… kommt eine kleine Phase, in der es dem Tier auf einmal wieder sehr gut geht.”

Man verabreicht mögliche Medikamente, macht vielleicht auch ein Blutbild, lässt den Kot untersuchen. Oft helfen die Maßnahmen und es geht dem Tier wieder besser. Manchmal bleibt aber auch ein Symptom zurück, wie zeitweise Durchfall oder hier und da Erbrechen. In der nächsten Phase haben wir verschiedene Symptome, die mit Flüssigkeiten zu tun haben. Der Stoffwechsel stellt sich um. Das Tier trinkt entweder sehr viel oder gar nichts. Das Tier kann unsauber werden, nässt sich ein. Viele Tiere riechen strenger, unangenehm. Diese Geruchsveränderung schiebt man meist darauf, dass die Tiere ja inkontinent sind und das Fell schlecht gesäubert werden kann. Dabei ist es ein Zusammenfall des Stoffwechsels. Der Geruch verändert sich, ebenso die Haut und das Fell. Es wirkt trocken, schuppig.

Wenn Tiere wenig trinken, vielleicht auch nicht vernünftig fressen, wirkt sich das auf ihren geistigen Zustand aus. Sie scheinen dement, verwirrt. Insbesondere nachts können diese Tiere unruhig werden. Laufen gegen Wände und bleiben dort teilweise unglaublich lange stehen, so als wüssten sie nicht, wohin es weiter geht. Katzen zeigen teilweise klagende Lautäußerungen.

Im weiteren Verlauf des Sterbeprozess kommt eine kleine Phase, in der es dem Tier auf einmal wieder sehr gut geht. Als Tierhalter wiegt man sich in Sicherheit, freut sich über diese Besserung und schiebt das ungute Gefühl beiseite, das man zuvor hatte. Doch meist hat die Intuition bei einem alten Tier oft Recht. Die gute Zeit ist meist kurz und kostet das Tier sehr viel Kraft. Die letzten beiden Phasen gehen anschließend ineinander über. Die Tiere schlafen viel, zeigen oft keinerlei Interesse mehr an der Nahrungsaufnahme. Vielleicht lecken sie noch etwas Soße oder trinken wenig. Primär wollen sie ruhen. Auf Ansprache reagieren sie oft verzögert. Erwachen meist aus einem tiefen Schlaf auch sehr spät. Die Atmung verändert sich. Sie ist flacher, setzt teilweise aus.

Ja, man könnte nun natürlich diesen gesamten Prozess abkürzen, weil man ihn unschön findet. Weil man sein Tier nicht leiden sehen will. Und ich bin hier immer sehr ehrlich: Das muss jede Familie, jeder Mensch für sich und sein Tier entscheiden, welchen Weg er gehen mag. Die Euthanasie können wir jederzeit auch bei einer Sterbebegleitung wählen. Und hier finde ich es am angenehmsten für das Tier, wenn der behandelnde Tierarzt sich auf den Weg zum Tier macht und es in den eigenen vier Wänden erlöst.

Geburt und Sterben – beides sind Prozesse. Beim Sterben eben nur der rückläufige Weg, den wir bei der Geburt haben. Statt das wir ein Lebewesen in die Arme schließen und begrüßen, müssen wir dieses loslassen und verabschieden. Und dieses verdammte Abschiednehmen ist nie leicht. Erst Recht nicht, wenn wir erst einmal nicht mit einem Wiedersehen rechnen können. Ich finde es jedoch viel schlimmer, wenn es dieses eine besondere Lebewesen nicht in meinem Leben gegeben hätte. Wie arm wäre doch mein Leben gewesen. Und deshalb sollte man jeden Tag mit seinem Tier zumindest für einige bewusste, achtsame Minuten zu etwas besonderem machen, um genau diese Zeit später für immer im Herzen tragen zu können, bis zu dem Zeitpunkt, an dem man sich hoffentlich woanders wiedersieht.

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