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„Du musst die Karte ja auch umdrehen“

Neulich Zuhause.


Ein Freund und ich sitzen auf dem Sofa und reden über den Senegal. Warum das so kam, weiß ich nicht mehr. Er stammt aus Ägypten und meint „Na der Senegal liegt Osten“. Ich überlege. „Nee, der ist doch im westlichen Afrika“. Wie immer, wenn ich etwas nicht weiß, zücke ich mein Handy und öffne Google. Diesmal Maps. Ich scrolle, zwei Finger, Karte vergrößern… Ihr kennt das…
„Nee, hier. Der Senegal ist im Westen“ und der ägyptische Freund sagt ganz locker „Du musst die Karte ja auch umdrehen.“

Ich schaue ihn verwundert an. Er lacht. „Na Ägypten ist ja im Norden. Wir schauen ja runter nach Südafrika“.

In meinem Kopf dreht sich alles. Die Karte drehen? Dann steht ja die Welt Kopf. Also, zwei Finger, Karte drehen. Ihr kennt das…

Und mir wird tatsächlich schwindelig. Ich muss lachen. Wie anders das aussieht. Und dann hat auf einmal der Freund Recht. Der Senegal liegt im Osten.

Schnell drehe ich die Karte wieder zurück. Ich erkläre, dass „unsere“ Sicht auf Karten immer von oben ist. Ihr erinnert Euch an den Erdkundeunterricht, die aufgeschnittene Orangenschale, damit die Welt –nicht maßstabsgetreu- in einen Atlas passt.
„Ich weiß“ sagt er.

Am nächsten Tag erzähle ich das meiner Kollegin. „Hast Du schon Mal die Landkarte umgedreht? Das macht eine ganz andere Weltsicht!“

Bäm. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Sechs Monate interkulturelle Trainer-Ausbildung. Sämtliche Kurse zu Kultursensibler Trauerbegleitung. Diverse Freundschaften und Beziehungen mit Menschen aus anderen Ländern. Selbst sechs Jahre im Ausland gelebt. Und dann einmal die Weltkarte gedreht für ein komplett neues Verständnis von „Weltsicht“.
Ich liebe es, wenn es im Kopf „klick“ macht.

Den Horizont erweitern

Aber was hat das mit Trauer zu tun?

Nun, wenn jemand stirbt, „steht unsere Welt Kopf“, „unsere Welt wird erschüttert“.
Sozusagen wird die Landkarte eines*r Trauernden einmal umgedreht. Plötzlich ist alles verkehrt, die Orientierung fehlt, es wird einem evtl. kurz schwindelig. Und auf einmal liegt dann der Senegal im Osten, während er für alle anderen weiterhin im Westen ist.

Und beide haben Recht! Denn von beiden Standpunkten aus betrachtet stimmt die Sichtweise.

Wenn sich nun also Trauernde darüber bewusst sind, dass ihre Weltsicht auf einmal eine ganz andere ist und sich das Umfeld der Trauernden bewusst macht, dass ihre Weltsicht sich nun evtl. von der der Trauernden unterscheidet, können beide wieder zueinander finden.
Wichtig ist, dass niemand Recht behalten will. Was wiederrum überhaupt nicht leicht ist, wenn man etwas von Kindesbeinen an gelernt hat und es auf einmal anders sein soll. Wir halten uns schließlich an unserem Weltbild fest, es erklärt uns die Welt, hilft uns, dass wir in unserem System zurecht kommen und nicht jedem*r vor den Kopf stoßen. Aber es gibt eben viele versch. Systeme.

Ich habe noch nie so viel über meine eigene Kommunikation gelernt, wie in der Auseinandersetzung mit Menschen aus anderen Kulturen. Auf einmal sagt oder macht der andere etwas, das mich innerlich „anpiekst“. Sofort reagiere ich emotional. „Was denkt der sich dabei?“. „Wie unhöflich!“
Und es ist verdammt schwer sich dann an die andere Weltsicht zu erinnern, freundlich zu fragen, warum derjenige jetzt dies und das so-und-so gemacht hat, dabei wertschätzend zu bleiben und darauf zu achten, was man selbst gerade braucht.
Es geht dabei nie um „Mein Weg ist aber der Richtige“, sondern „aha, Du machst das so-und-so, wie kann ich da mitmachen, so dass mein Weg auch Beachtung findet?“

Und das gilt auch für die Kommunikation mit Trauernden bzw. mit meinem Umfeld als Trauernde*r.

Rollen, Beziehungen, Aufgaben etc., alles muss neu justiert werden. Das braucht Zeit. Und Energie.
Man kann seine Weltsicht nicht von heute auf morgen ändern. Muss man auch gar nicht. Aber ab und zu mal mit zwei Fingern die Landkarte umdrehen erweitert –nicht nur wortwörtlich- den Horizont. Auf allen Seiten versteht sich!


Wer noch ein bisschen mehr den Horizont erweitern möchte, für den gibt es am  9.6.2021 meinen Workshop „Kultursensible Trauer – im Fokus: Islam“. Gemeinsam mit meinem Gastreferenten aus Syrien klären wir nicht nur Eure Fragen rund um Trauer & Tod im Islam, sondern helfen Euch, Euer kultursensibles Verständnis zu erweitern und geben Euch sofort umsetzbare Hilfsmittel an die Hand, wie Ihr Menschen aus anderen Kulturen/Religionen in Abschiedssituationen begleiten könnt.
Egal, ob Ihr ehrenamtliche oder hauptamtliche Begleiter*innen seid.
Weitere Infos unter hier

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