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Abschied von der Trauer

Westbrook pexels

Die Frau wischt sich eine graue Strähne aus der Stirn und schwingt sich überraschend behände aus der tiefen, vielfach geschwungenen Couch. Barfuß geht sie zu dem antiken Buffet an der gegenüber liegenden Seite des ausladenden Wohnzimmers. Pantoffeln tragen hatte sie ihr Leben lang gehasst. Damit wollte sie im hohen Alter nicht anfangen, nur weil das andere Alte auch taten.

Das Buffet beinhaltete alles sichtbar, was ihr wichtig war. Viele Photos in goldenen Rahmen waren dort aufgestellt.

Ihr Hochzeitsbild mit Harald. Natürlich in schwarz-weiß. Ein Portrait des lächelnden Harald vor vierzehn Jahren. Austreibende Krähenfüße um die Augen, auf die er besonders stolz war, weil sie seinen Charakter und seine Lebenseinstellung widerspiegelten. Er war immer ein positiver und freundlicher Mann gewesen. In all den Jahren ihres Beisammenseins hatte sie kein schlechtes Wort aus seinem Mund vernommen. Und das nicht nur, weil sein Benehmen einwandfrei war und keine Angriffsfläche bot. Damals bereits von jeder Haarpracht befreit, wirkte er offen.

Sollie pexels

Auch ihr Lieblingsbild hat dort einen Platz gefunden, obwohl keiner von ihnen beiden darauf abgelichtet war. Aber es hingen so viele schöne Erinnerungen daran. Es zeigte Landschaft. Aufgenommen von der Terrasse ihres Pensionszimmers. Wiese, Weide und im Hintergrund die Alpen. Es war im Herbst nach ihrer Hochzeit entstanden. 1975.

Gemeinsam hatten sie eine halbe Ewigkeit auf der Terrasse gewartet. Bis das Sonnenlicht so einfiel, dass das Bergmassiv in gleißendes Sonnenlicht getaucht war und die Landschaft im Vordergrund beinahe dunkel wirkte. Von diesem Urlaub gab es ein Photo. Dieses.

Oben in der Mitte des antiken Möbels steht die Urne. Mit dem, was real von Harald übrig geblieben ist – nach seinem frühen Tod vor zehn Jahren. Sie ist schlicht. Messing, von versilberten Wellen durchwebt. So hatte es Harald sich gewünscht.

„Zehn Jahre ist das schon her. Zehn Jahre ohne dich – und doch nicht allein.“, flüstert Helene vor sich hin und greift nach dem Portrait. Das Photo betrachtend läuft sie zurück zur Couch. Den Weg könnte sie auch mit verbundenen Augen abschreiten, so oft hatte sie ihn in den vergangenen Jahren zurückgelegt. Mit ein wenig Vorstellungsvermögen kann sie ihre eingetretene Fußabdrücke im Teppichboden erkennen.

Helene stellt den Rahmen auf dem ovalen Tisch ab und nippt an ihrem schwarzen Tee, mit einem ordentlichen Schuss Rum, der inzwischen gute Trinktemperatur hat. Sie seufzt und stellt das Photo auf ihrer Brust ab. So ist sie Harald ganz nah.

Damals, als ein Herzinfarkt ihren Mann aus dem Leben riss, war sie gerade ein Jahr auf Rente. Die Umstellung darauf, dass nun plötzlich beide zuhause waren, war gerade vollzogen. Die Enge des dauernd erlebten gemeinsamen Alltags, zeigte deutlicher die Macken des anderen auf. Daran wäre beinahe ihre Ehe zerbrochen. Bis sie sich jeder ein unterschiedliches Hobby zulegten, welches sie zwang sich stundenweise darauf zu konzentrieren, verging kein Tag ohne Streit, an dem sich Harald selten beteiligte. Es war eines der wenigen Male, an denen sie ihr Gehäuse verlassen hatte. Es hatte sich nicht gut angefühlt.

Harald begann aus Streichhölzern maßstabsgetreue Gebäude zu bauen. Akribisch, nach Photos. Helene ging an zwei Nachmittagen mit fremden Hunden spazieren und arbeitete Freitag abends bei der Telefonseelsorge.

Ihre Ehe wurde dadurch wieder auf feste, stabile Beine gestellt. Es war, wie ein zweites – ein neues – Kennenlernen.

Bei ihrer vierten Verabredung, vor mehr als vierzig Jahren, trafen sie sich im Tiergarten. Helene hatte eine Kanne Schwarztee dabei und wartete auf einer grünen, verwitterten Bank auf ihren Harald.

„Was waren wir noch jung!“ Helene lächelt das Portrait an.

Hazelwood pexels

Es war ein windiger, von leisem Nieselregen begleiteter Herbsttag. Eine Verabredung mit ihrem Traummann hätte sie jedoch aus keinem noch so guten Grund platzen lassen.

Als er schließlich kam – wie immer ein wenig zu spät – zog er eine Flasche braunen Rum aus seiner tiefen Manteltasche und füllte mit einem Drittel davon den Tee auf. Sie tranken beide langsam das heiße Gemisch, schauten in den Park und schwiegen. Ein wundervolles gemeinsames Schweigen. Nicht, weil es nichts zu sagen gab, sondern weil es ihnen genügte. Zu wissen, dass der andere da war.

„Das Glück ist nicht da draußen“, sagte Harald nach einer Weile und beschrieb mit seinem Arm einen weiten Bogen, der den Park und die halbe Welt einschloss. „Es ist hier drin!“ Und er deutete mit derselben Hand auf sein Herz.

Das war der einzige Satz, der an diesem Nachmittag gesprochen wurde. Helen verfügte ihr Leben lang über das Temperament und die Sprachgewalt einer Sanduhr. Viele Worte machte sie nie. Helene hatte diesen Satz nie vergessen.

„Ja, da drin ist es!“ Helene nickte dem Photo lächelnd zu. „Nur du bist mir abhanden gekommen!“

Anfangs hatte sie ihm Vorwürfe gemacht, dass er sie verlassen hatte. Einfach gestorben war. Später sich selbst. Nicht bei ihm gewesen zu sein, als er starb. Zusammengesackt, mit vor Schmerzen verzerrtem Gesicht. Auf hartem, nacktem Beton. Die Flasche Prosecco zerbrochen auf dem Gehsteig, mit dem sie am Abend anstoßen wollten. Einfach, weil ihnen danach war.

Irgendwann nahm sie sich selbst gefangen. Sperrte sich weg und die Welt da draußen aus. Verlor sich in Erinnerungen an ein gemeinsames Leben. In das Selbstmitleid und die Einsamkeit einer Zurückgelassenen. Sie lebte in einer Dunkelheit, die Haralds Abwesenheit erzeugt hatte – und gleichzeitig auf einem leuchtenden Regenbogen, der in 34 Lebensjahren mit ihrem Mann in ihr entstanden war.

Es waren keine grellen Farben aus denen sich der Regenbogen zusammen setzte. Er bestand aus … Farben, vielen kleinen Ereignissen. Nebensächlichkeiten. Gesten, Worten.

Wie Harald sich beim Nachdenken mehrfach mit dem Zeigefinger über eine Augenbraue strich. Das unerbittliche Geklapper, wenn er seinen Kaffee umrührte. Sein Erwachen, das immer damit begann, dass er sich mit beiden Fäusten die Augen rieb.

Als Harald sie am Anfang ihrer Beziehung beim Lesen eines Heimatromans erwischte, strich er mit dem Daumen über das Cover, dann über ihre Wange und küsste sie auf die Stirn. „Das einzige Genre der Literatur ist das Buch.“, hatte er gesagt.

In Allem sah er immer das Positive.

Stundenlang hätte sie auf der Couch sitzen können und in Erinnerungen schwelgen. So viele kleine Dinge galt es im Gedächtnis wach zu halten. Und schon wäre es wieder Abend und ein Tag vergangen.

Helene nimmt das Portrait von ihrer Brust, trinkt ihren Tee aus und geht ins Bad. Sie dreht den Hahn auf und lässt Wasser in die Wanne laufen. Im Schlafzimmer nimmt sie ihr schlichtes Hochzeitskleid aus dem Schrank, legt alle andere Wäsche ab und streift es über ihre pure Haut. Langsam geht ins Wohnzimmer, an den heiligen Ort und nimmt die Urne vom Buffet.

Cottonbro pexels

Als sie ins Bad zurück kommt, ist die Wanne bereits halb voll gelaufen.

Helene nimmt den Deckel von der Urne und streut die Asche in das warme Wasser. Sie stellt sich vor, es wäre die Nordsee bei hohem Wellengang. Den Resten von Harald wird es egal sein. Eine Grabstelle mietet man für zwanzig Jahre. Da sind zehn Jahre für den Inhalt einer Urne mehr als genug.

Sie steigt in die Wanne und reibt sich und ihr Kleid mit dem ergrauenden Wasser ein. Harald ist jetzt auf und in ihr. Sie fühlt sich umgeben von Geborgenheit, Wärme und Lust. Es ist ein Bad in der Trauer und gleichzeitig die Reinigung von ihr.

Harald wird bleiben. In ihren Gedanken, Erinnerungen und um sie herum. Aber mit 74 läuft einem allmählich die Zeit davon, wenn man noch einmal nach Draußen gehen will. Sich umschauen. Teile der Natur einatmen. Sich treiben lassen, um zu sehen wo es einen hin führt. Sich noch einmal der Neugier hingeben, die auch einer alternden Sanduhr innewohnt.

Harald hat zwei Wochen vor seinem Tod – wie immer optimistisch – zu ihr gesagt: „Dein Geist ist so offen. Sieh zu, dass er sich nie verschließt!“

Wie meistens, hatte er Recht damit. Diesem ausgesprochenen Credo wird sie nun folgen. Solange es geht.

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