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Jenny Otte

Versöhnung mit dem Tod

Als Kind hatte ich keine Angst vor dem Tod, wohl aber eine gewisse Antipathie gegen diesen stummen Gevatter, der mir mit sechs Jahren die Mutter genommen hatte. Von einem Tag auf den anderen.

Ich stellte mir den Tod wie eine hässliche, erbarmungslose Kreatur vor, die nur Leid bringt und – so zumindest nach meinem Gefühl – die liebsten Menschen zum falschen Zeitpunkt besucht, um sie einem für immer zu entreißen.

Tatsächlich sah meine erste leibhaftige Begegnung mit dem Tod ganz anders aus.

Es war an einem sonnigen Oktobermorgen. Ich lag noch im Bett, als das Telefon klingelte. Sofort saß ich kerzengerade zwischen den Kissen und wusste genau, welche Botschaft auf der anderen Seite des Hörers auf mich und meine Familie wartete.

Mein Vater lag seit fast zwei Wochen im Hospiz. Er war mit 42 Jahre an Krebs erkrankt und hatte die letzten Monate erfolglos gegen diese Krankheit angekämpft. Seine, nein, unsere letzten Tage waren von Traurigkeit, Ohnmacht und dem Gefühl geprägt, dass uns die Zeit wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt.

Als an diesem besagten Morgen das Telefon klingelte, wussten wir es. Wir wussten es einfach.

Meine Stiefmutter fuhr mit einem schönen Hemd meines Vaters vor zum Hospiz. Meine Brüder und ich kamen später nach. Wir wollten dort sein, bevor der Rest der Familie eintraf.

Jenny Otte – Papa im Hospiz

Sobald ich das Zimmer betrat, in dem mein Vater seine letzten Tage und Stunden verbracht und auch seinen letzten, schweren Atemzug getan hatte, umhüllte mich eine tiefe, innere Wärme.

Es ist im Nachhinein kaum in Worte zu fassen, welche Atmosphäre in diesem kleinen, hellen Zimmer herrschte. Ich sehe es heute noch vor mir, wie er dort lag in seinem karierten Hemd auf dem schmalen Bett.

Das Zimmer und auch mein Vater waren mit Blumen dekoriert. Im Hintergrund spielte leise Musik. Es war beinahe magisch. Ich wagte kaum einzutreten, so heilig und besonders fühlte sich dieser Ort in diesem Moment an.

Ich setzte mich neben meinen Vater. Er war bereits seit einigen Stunden tot, doch seine Hand fühlte sich noch warm an. Er hatte die Augen wie zum Schlaf geschlossen und ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen. Ein Lächeln, welches ich noch nie zuvor an ihm gesehen hatte. Voller Friede und Leichtigkeit. Es stand ihm gut.

Während ich so an seinem Bett saß und ihn stumm betrachtete, liefen mir die Tränen über die Wangen. Immer wieder drehte ich mich um und blickte über meine Schulter. Ich hatte das sichere Gefühl, dass jemand hinter mir stand und mir die Hand auf die Schulter legte.

Doch da war niemand. Zumindest niemand, den ich sehen konnte. Es war, als wäre mein Vater noch im Zimmer. Sein Geist, sein Wesen, jedenfalls etwas von ihm. Ich konnte ihn fühlen, viel deutlicher und stärker als in den Tagen und Wochen vor seinem Tod. Er war da und tröstete mich. Diese innere Berührung war so kraftvoll, während sein Körper zum Ende hin so schwach und ausgemergelt gewesen war.

Ein warmes Kribbeln lief mir über den ganzen Körper. Die Tränen kullerten mir wie wild über die Wangen. Ich atmete ein und versuchte, den Moment auszukosten und so viel wie möglich von dieser friedlichen, tröstlichen Energie in mich einzusaugen. Ich wusste instinktiv, dass ich sie noch brauchen würde.

Er war bei mir und ich spürte, dass es ihm gut ging. Ich spürte, dass er seine Erlösung, seinen Frieden finden würde und ich mir keine Sorgen mehr um ihn machen musste.

Da waren wir also. Mein Vater und ich und der Tod und während ich so dasaß, mit diesem warmen, tröstlichen Gefühl im Herzen und dem friedlichen Lächeln meines Vaters vor den Augen konnte ich nicht umhin, den Groll loszulassen. Der Tod hatte mich versöhnlich gestimmt. Zumindest für diesen Moment.

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