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Bild Artikel Frei sein von Nora Hille
reedy unsplash

Freisein 

für B. *1943 †August 2023 

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7 min Lesezeit

Weißt du, ich bin sehr froh, dich heute kurz gesehen zu haben, denn ich ahne es seit Wochen: Du spreizt schon ungeduldig deine Flügel, es zieht dich fort. 

Denn ich kenne deine Entscheidung, die lautet: Ich gehe, wann ich gehen will. Ich bestimme selbst, wann es genug ist. Seit 30 Jahre hast du täglich mit der chronischen Erkrankung COPD zu kämpfen, Schweregrad 3 von 4. Jeden Morgen mindestens eine Stunde inhalieren, um halbwegs genug Puste für den neuen Tag zu haben. Das klappt Mal besser, Mal schlechter. Und manchmal nur mit Cortison. In schlechten Zeiten musstest du auch tagsüber an den Inhalator, weitere vier bis fünf Mal.  

Es ist der Herbst deines Lebens. Und bevor der Winter kommt, willst du dich aufmachen wie ein Zugvogel und in die Freiheit eines wärmeren Südens fliegen. Die Kälte, den Schmerz und die Härte des Winters – Du hast dich gegen sie entschieden, denn das Leid, das du tragen musstest, war schon seit deiner frühen Sommerzeit ein deutlich spürbares.  

Gerade mal 31 Jahre warst du alt, da entschied sich dein Mann für den Suizid. Ohne vorher seine Gedanken oder Verzweiflung mit dir zu teilen, ohne dir die Chance zu geben, in einer schweren Lebensphase stützend an seiner Seite zu stehen. Von jetzt auf gleich war er fort, Eure Töchter gerade mal 8 und 10 Jahre alt. Wie hättet Ihr drei verstehen können, was da geschehen war? Unmöglich denke ich. Unmöglich, es begreifen zu können, wenn man so unter der Schockstarre des Verlustes steht. Unmöglich, wenn einer geht, ohne vorher auch nur ein Zeichen zu geben.  

Du warst ab da die Löwenmutter, hast deine Töchter allein großgezogen, nebenbei ein Geschäft geführt. Bist immerzu stark gewesen. So kenne ich dich zumindest. Wenn da Ängste waren, Unsicherheiten, Trauer – ich glaube, du hast viel mit Dir selbst abgemacht, weil du niemanden belasten wolltest. Vielleicht heute auch deswegen das Antidepressivum? 

Weil du immer stark sein musstest, wolltest? Und dabei immer diszipliniert und oft so hart zu dir selbst. Vermutlich schreibe ich so über dich, weil ich diese Seite ebenfalls in mir trage. Denn Gemeinsamkeiten müssen wir haben, wie sonst konnte unsere Freundschaft wachsen? Unsere Freundschaft, die mir so viel bedeutet. Unter anderem wohl auch, weil du aus der Generation meiner Eltern stammst, von denen ich so viel Zurückweisung, Lieblosigkeit und Schmerz empfangen habe. 

Und doch, trotz all dieser Selbstdisziplin, die ich so gut kenne, bist du ein Mensch voller Liebe zum Leben, zu deinen Mitmenschen, zur Natur. Strahlst so eine positive Einstellung aus. Bist ganz wunderbar eingebunden in deine Familie, hast intensive Beziehungen zu deinen mittlerweile erwachsenen Enkeln. Viele Freundschaften. Du Lebensbegleiterin, Du. Du immer Anteilnehmende. Bei Problemen nach Lösungen Suchende.  

Nur eines deiner vielen Talente: Menschen zusammenbringen. Du vernetzt für dein Leben gern Menschen miteinander, wenn du deren gemeinsame Interessen entdeckt hast. 

Und du bist so tatkräftig – haben wir auch hier eine Gemeinsamkeit? Die eigentlich in Ungeduld begründet ist? Die Kuh vom Eis bringen, das wollen wir beide, das macht uns Spaß. Während ich das schreibe, entsteht eine lustige Szene vor meinem inneren Auge: Du ziehst die braun-weiß gefleckte Kuh vorne am Strick, der an ihrem Hals befestigt ist, ich stemme mich gegen ihren dicken Hintern. Wir beide ächzen und schwitzen. Die Kuh hat keine Chance gegen uns zwei und schliddert übers Eis hin zum Ufer. 

Wie lange kennen wir uns jetzt, fünf, sechs Jahre? Wie lange dauert unsere Freundschaft schon an? Unverhofft stolperten wir zwei übereinander in einem Nachbarschafts-Chor. Du mit deiner tiefen vollen Stimme im Tenor, ich irgendwo mittendrin im Alt. Sind uns sofort sympathisch. Freuen uns aufeinander, quatschen in den Pausen. Da muss er schon übergesprungen sein, dieser Funke, der aus einer Zufallsbekanntschaft Freundinnen werden lässt. Denn im Chor waren wir nur wenige Wochen gemeinsam, dir wurde es abends oft zu spät. Nach deinem Choraustritt begannen unsere privaten Treffen und wir lernten uns immer besser kennen. 

Ich rätsele weiter. Wann war das nochmal, unsere erste Begegnung? Vielleicht vor sechs Jahren? Ich bin so schlecht darin, mir Daten zu merken… Du weißt es bestimmt. Noch kann ich dich ja fragen. Oder? Bist du noch da? Die Frage verhallt in meinem Inneren. 

Aber deinen Geburtstag, den werde ich mein Lebtag nicht vergessen: Du bist am im Februar geboren, am gleichen Tag wie meine Tochter. Genau 70 Jahre bist du älter als sie, jetzt also 80 – und damit 33 Jahre älter als ich. Und trotzdem habe ich uns in unserer Freundschaft immer als zwei Frauen auf Augenhöhe erlebt. Es tat mir so oft gut, wenn Du zu mir sagtest: „Mensch Mädel, Du machst das einfach prima“, wenn es um den Umgang mit unseren Kindern ging, um meine bipolare Erkrankung oder um mein Schreiben. So eine liebevolle Bestätigung kannte ich von meinen Eltern nicht. Und du hast sie mir geschenkt, einfach so. Frei Haus, frei raus. Frei von der Leber weg, wie man so schön sagt. Von Herzen, denke ich. 

Immer bist du busy, hast jede Menge Verabredungen. Manchmal rufe ich dich an, und du hast parallel auf dem Handy schon ein Gespräch am Laufen. Sich mit dir zu verabreden ist nicht leicht bei deinem ausgebuchten Terminkalender. Daran habe ich erkannt, dass man im Alter keineswegs einsam sein muss, sondern dass sich dann lediglich zeigt, wie man auch zuvor schon gelebt hat. Wer freundlich ist, auf andere Menschen zugeht, sein Lächeln und seine Aufmerksamkeit verschenkt, hat immer gute Gesellschaft und kann in jedem Alter noch neue Freundschaften dazugewinnen. 

So lange weiß ich schon, dass du den Zeitpunkt deines Todes selbst bestimmen willst. So lange weiß ich, dass du nicht langsam an der COPD ersticken oder gar in Windeln in einem Pflegeheim liegen willst. Dein Denken über Freitod, mit dem du mich früh konfrontiert hast, war für mich anfangs eine enorme Herausforderung. Der Gedanke, dich in absehbarer Zeit zu verlieren, zu wissen, dass unsere Freundschaft zeitlich begrenzt ist, tat weh.  

Nie werde ich deine strahlend blauen Augen vergessen. Die Augen eines jungen Mädchens, so neugierig auf diese Welt. Und Blau ist deine Lieblingsfarbe – kann das ein Zufall sein? Blau dein gemütliches Sofa und der Sessel, blau-lila die Blumen auf dem Bild an der Wohnzimmerwand. Blau dein Pullover, dunkelblau darüber die Weste mit den praktischen Taschen. Ich habe ebenfalls blaue Augen. Doch so strahlend hell wie deine sind sie nicht. Und so strahle ich neben dir mit meinem Lächeln und der Wärme meiner Zuneigung. 

Er wird kommen, der Tag, an dem du deine Flügel ausbreitest für deine letzte Reise. Der Tag, an dem diese Flügel als starke Schwingen deine Seele emportragen in eine lichtdurchflutete Weite. Dann werden Wolken in meinem Inneren aufziehen. Weil ich weiß, dass ich sehr traurig sein werde, dich in diesem Leben verloren zu haben. Aber ich habe durch dich gelernt, dass der Wunsch der Freunde und Angehörigen „Bleib noch! Nur noch diesen Frühling, Sommer, Herbst. Genieße noch einmal deinen schönen Garten…“ – dass dieser Wunsch ein egoistischer ist. Denn er fragt nicht danach, was für dich am besten ist. Spricht nur davon, nicht von dir verlassen werden zu wollen. Nicht ohne dich zurückbleiben zu wollen. 

Weil du so ein wunderbarer Mensch bist, weil sich jeder von uns in deiner Gesellschaft einfach wohlfühlt. 

Ich habe gelernt, deinen Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod zu respektieren. Sogar mein 14jähriger Sohn und meine 9jährige Tochter kennen deine Einstellung und haben gelernt, sie zu verstehen. Meinem Sohn hast du es selbst erzählt. Dann haben wir beim Familienabendessen darüber gesprochen, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Lebensende zu bestimmen, vor allem, wenn er alt und krank ist. Dass aber in jungen Jahren auch in schweren Zeiten Suizid nicht die Antwort sein sollte. Denn da wartet es ja noch, das Leben, mit all seinen Chancen, seiner Fülle, seiner erneut möglichen Leichtigkeit. Selbst wenn man mitunter professionelle Hilfe braucht, um wieder Lebensmut zu schöpfen. 

Nur ein paar Straßen liegen zwischen unseren Häusern. Eben habe ich dich kurz am Gartenzaun gesehen. Wir konnten nur ein paar heisere Worte miteinander krächzen – wie zwei alte Raben, denn uns hat beide eine Erkältung erwischt. Ich habe gesagt, dass ich dich unbedingt nochmal treffen will, als Abschied. Sagte dir „Ich habe noch so viele Fragen“. Du meintest, ich müsse mich beeilen. Ich weiß es ja. Ich höre dich dein Gefieder putzen, höre trotz der Entfernung, wie du deine Schwingen ausbreitest, testweise. Zwei, drei langsame Schwünge wagst. Noch hebst Du nicht ab. Noch fliegst du nicht fort. Aber du bist bereit, ich ahne es. 

„Warte noch!“, ich rufe es Dir in Gedanken zu, nein, ich schreie es. „Geh nicht ohne Abschied. Bitte!“ Mir steigen Tränen in die Augen. Ich will dich noch einmal umarmen. Dich noch einmal ganz festhalten. Vielleicht mit meiner Hand über die deine streicheln. In deine wunderschönen, strahlend blauen Augen blicken, tief hinein in diese Seelenfenster.   

Warte auf mich. Nur bis die Heiserkeit vergangen ist. Lass mich dir gute Reise wünschen. Einen angenehmen Flug in das Land deiner Sehnsucht. Das keine Schmerzen kennt, keine Krankheit, keine Not. Nur Freude, Erlösung, Leichtigkeit.  

Dann wird er aufreißen, der finstere Himmel in mir, in uns, die grauen Wolken werden weiterziehen, Sonnenlicht bricht hervor. Es wird unsere Seelen wärmen. Die Seelen aller, die du zurückgelassen hast. Die dich lieben. Und in deren Erinnerung du weiterlebst. Mit deinem Lachen, deiner Stärke, deiner leicht rauen, angenehm tiefen Stimme, deinem Pragmatismus. Mit deiner Liebe zum Leben und zu deinen Mitmenschen. Mit deinen strahlend blauen Augen.  

Und wir werden wissen: Du bist angekommen am Ziel deiner Sehnsucht, so weit entfernt von uns. Und trotzdem bleibst du uns so nah. Weil Liebe und Freundschaft stärker sind als jeder Tod. Weil unsere Erinnerung an dich unbesiegbar bleiben wird.  

„Danke“, flüstere ich heiser in den Wind. „Danke, dass ich Dich kennenlernen dürfte. Danke, dass du für diese Zeit als Freundin an meiner Seite warst. Du hast mich mit deiner Liebe so sehr gestärkt. Danke…“ 


Nachtrag 

Etwa zwei Wochen später haben wir uns getroffen. Mir war es so wichtig, dir diesen Text zu zeigen und dein Einverständnis zu haben, ihn nach deinem Tod veröffentlichen zu dürfen. Du hast ihn laut gelesen, dabei geweint und gelacht. Wir haben uns umarmt. Ich habe deine Hand gestreichelt. Unsere beiden Hände fotografiert. Dieser Tag war unser eigentlicher Abschied, auch wenn wir uns noch ein paar Mal getroffen haben. Denn es kam ein Frühling, in dem es Dir plötzlich für Wochen besser ging und ein Sommer, wo Deine Kraft immer weniger wurde. Und dann kam er, dein natürlicher Tod, begleitet von Deinen beiden Töchtern. Und trotz meiner Tränen spüre ich Deine wundervolle Seele um mich. 

Nora Hille ist Jahrgang 1975, glücklich verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie studierte Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaften, arbeitete 12 Jahre im Bereich Kommunikation/Public Relations und ist mittlerweile aus gesundheitlichen Gründen verrentet. Im August 2023 ist ihr Mutmachbuch „Wenn Licht die Finsternis besiegt. Mit bipolarer Erkrankung Leben, Familie und Partnerschaft positiv gestalten“ bei Palomaa Publishing erschienen.
Als Betroffene und Erfahrungsexpertin schreibt Nora Hille Artikel zu den Themen mentale Gesundheit und psychische Erkrankungen. Außerdem verfasst sie literarische Essays, Gedichte (sehr gerne Haikus) und Kurzprosa. Ihre Kolumne „Noras Nachtgedanken“ veröffentlicht sie hier beim Online-Magazin viaMAG – Das Magazin für eine neue Trauerkultur. Beim Online-Magazin femalExperts.com erscheint regelmäßig ihre Mental Health-Kolumne und sie ist Redakteurin der experimenta – Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft . Anti-Stigma-Arbeit liegt Nora Hille am Herzen: Sie engagiert sich als Mutmacherin bei Mutmachleute e.V. und setzt sich mit ihren Anti-Stigma-Texten gegen die Stigmatisierung (Ausgrenzung) psychisch kranker Menschen in unserer Gesellschaft für mehr Miteinander, Toleranz und Gleichberechtigung ein. Nora Hille ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. (DGBS).

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