In allen Farben des Regenbogens

Trauer um ein Sternenkind

Markus Spiske - unsplash

„Mami, walum weinst du…?“


Ich wische meine Tränen ab und nehme meine damals fast Dreijährige auf den Schoß. Ich küsse ihr zart auf die geröteten Wangen und überlege mir indes die passende Antwort auf ihre Frage, während die Augen meiner Tochter weiterhin neugierig auf mich gerichtet sind.


„Weißt du Schatz, die Mami denkt gerade ganz fest an Romy und Lenny und ist traurig, weil sie nicht mehr da sind.“


Meine Kleine schaut in das leuchtende Meer aus Kerzen, das vorne am Altar gerade von all den vielen Gästen des Sternenkindergottesdienstes aufgestellt wird. Mit jedem neu angezündeten Gedenklicht, das für das Leuchten eines Kinderlebens steht, das auf der Erde viel zu schnell erloschen ist, wird das Lichtermeer immer größer.


„Mami?“, sagt meine Tochter schließlich nachdenklich, während ihr Blick weiterhin auf die vielen hellen Lichter gerichtet ist.


„Ja, Schatzi?“.


Meine Kleine wendet ihren Blick an mich und strahlt mit einem Male voller Freude, als sie ihre wunderbare Idee zur Tröstung aussprechen kann: „Aber Mami, duck! ICK bin da!!“

Sie klopft euphorisch auf ihre kleine Brust, die unter einer dicken Winterjacke versteckt ist und spricht fröhlich weiter: „Duck, Mami! Ick bin da! Du bist nie danz alleine!“

Ich lache, und meine Tränen der Trauer werden zu Freudentränen.

Tränen der Liebe. Denn Trauer ist nichts anderes als Liebe.

Und ich drücke meine kleine Tochter an mich, voller Liebe und Dankbarkeit!

Meine Tochter – ein Regenbogenkind…

…ein Kind, das nach einem Sternenkind geboren worden ist.

Sie kam als kleine Schwester von zwei Sternenkindern auf die Welt. Ihre beiden großen Geschwister sind Zwillinge und verstarben nur wenige Stunden nach der Geburt.

In vielen Köpfen herrscht leider noch immer der Irrglaube, die Trauer um ein Sternenkind müsse doch spätestens mit der Geburt eines Folgekindes vorbei sein.

Ist da nach der Geburt eines kleinen Wonneproppens nicht immer eine riesengroße Freude und alle kleinen und auch großen Sorgen des Alltags sind vergessen??

Mag sein. Bei der Trauer aber ist es nicht so. Denn das Kind, um das getrauert wird, ist ja immer noch tot. Auch wenn nun ein gesundes Folgekind da ist, ein Regenbogenkind, und wenn sich neben die Trauer plötzlich dieses große Glücksgefühl gesellt. Beides ist ab jetzt da, beides hat seine Berechtigung. Und beides darf bleiben.

Es ist mir persönlich ein großes Anliegen, auch in meiner Arbeit als Trauerbegleiterin, dass die Trauer in Sternenfamilien ihren festen Platz einnehmen darf und diesen auch für immer behalten kann. „Familie“ ist ein Ort, an dem wir uns ungefiltert zeigen können. In all unseren Gefühlen. Da ist genug Platz zum Traurig-sein und gleichzeitig auch genügend Platz zum Sich-freuen. Und manchmal, da passiert sogar beides, im gleichen Moment!

Unsere mittlerweile zwei Regenbogenkinder wissen: „Die Mama ist manchmal traurig, weil die Romy und der Lenny nicht mehr da sind – weil sie gestorben sind. Aber die Mama freut sich auch, dass WIR da sind. Und manchmal, da weint die Mama, weil sie die Babys im Himmel vermisst und dann lacht sie im gleichen Moment, weil WIR sie kuscheln und ihr zeigen, dass sie trotzdem nicht alleine ist!“

Bild von Sandra Wagners zu dem Zeitpunkt dreijährigen Tochter

Es sind Alltagsmomente wie diese, die es in vielen Sternenfamilien auf der ganzen Welt gibt, die nicht nur den Eltern, sondern auch den Sternengeschwistern ganz leicht fühlbar machen, wie viel Bedeutung, wie viele Farben und Facetten das Wort LEBEN tatsächlich in sich trägt. Es besteht aus so vielen kleinen Teilchen und Gefühlen, die alle zusammengehören und die erst im Zusammenspiel das Wunder entfalten können, das es für jeden einzelnen bereithält.

Ohne Traurigkeit, kein Glücksrausch.

Ohne Dunkelheit, kein Leuchten.

Ohne Stille, keine Antwort.

Ohne Ende, kein Neuanfang.

Sandra Wagner

Und so haben Regenbogenkinder von Geburt an eine ganz besondere Stellung. Gottgegeben. Sie lernen, dass auch der Tod zum Leben dazugehört. Und dass er nicht nur am Rande passiert, sondern manchmal mitten ins Leben fällt. Und dass das Gefühl, dass dabei entsteht, nämlich die Trauer, auch ein Leben lang bleiben darf. Das ist keine Bürde und keine Last, dass kleine Kinder bereits so etwas „Großes“ wissen müssen. Denn diese Rolle, die sie tragen, die Rolle als „Regenbogenkind“, macht sie zu etwas ganz Besonderem. Sie lernen von Anfang an, welch große Bandbreite an Gefühlen es gibt: Traurigkeit und Freude, Stille und Lachen, Sehnsucht und Dankbarkeit… Und dass es für alle Gefühle einen Platz in der Familie gibt, und dass kein Gefühl schlechter ist als das andere. Es ist eben ein Gefühl.

Das ist ein bisschen so wie bei Farben. Manche gefallen uns besser. Und manche finden wir nicht so schön. Aber dennoch gehören alle dazu und erst in ihrer Gesamtheit kann ein großer, bunter Regenbogen entstehen, der manchmal ganz unverhofft am Himmel auftaucht und unser Herz mit Glück und Liebe erfüllt…