Kolumne ungeschminkt Sonja Tschöpe Tier Sterbebegleitung
Kolumne Ungeschminkt - Sonja Tschöpe

Ungeschminkt

Es ist doch nur ein Tier sind so Sätze, bei denen man sich bei jedem Menschen, der sein Leben mit einem oder mehreren Tieren teilt, äußerst unbeliebt machen kann. Denn für diese Menschen ist das Tier oder sind die Tiere Teil der Familie. Und wenn dann genau jenes Fellknäuel stirbt, dann darf man ebenso trauern.

Völlig disqualifizieren kann man sich mit Aussagen wie: „Naja, jetzt stell dich mal nicht so an. Das war doch nur ein Hase (Katze, Hund, Hamster usw.). Hole dir doch einfach einen neuen.“

Bähm!

Schlag mitten in die Magengegend

Mir blieb damals die Luft im Halse stecken. Ich war so schockiert, dass ich überhaupt nichts entgegnen konnte, als man genau jenen Satz mir tröstend entgegen schmetterte. Vielleicht war es für jene Person nur „ein Hase“. Für mich war es jedoch ein besonderes Tier, das meinen Alltag bereichert hat. Es war mein erstes Kaninchen, Kaninchen Krümel. Und als er ging, befand er sich in den besten Händen einer guten Bekannten, die sich um meine Tiere während meines Urlaubs kümmerte. Ich verweilte 14 Tage auf Safari in Afrika, feierte meinen 30. Geburtstag mit großartigen Eindrücken. Als ich dann zurück auf dem Düsseldorfer Flughafen landete, holte mich eine simple Sprachnachricht auf meinem Handy auf den Boden der Tatsache zurück. Krümel ist tot! Drei Wörter. Danach war ich fertig mit der Welt. Meine Erholung war dahin. In mir tausende von Fragen. Warum? Wieso? Wann? Ein Meer von Tränen, unstillbar.
Ich bekam Antworten. Ich holte den leblosen Körper meines Tieres nach Hause und bettete ihn in unseren Garten an eine Stelle, die er zu Lebzeiten so gemocht hatte. Inmitten unserer Himbeersträucher begrub ich ihn. Die Tage vergingen, doch die Tränen blieben und die Trauer fraß mich auf. Krümel war mein erstes Haustier, das ich ganz bewusst nach dem Auszug aus dem Elternhaus zu mir nahm. Und nun war er fort. Still und leise gestorben, als ich mir wilde Tiere in freier Natur ansah.

Mein Umfeld konnte mit mir nichts anfangen. Ein „Hase“, kein Mensch. Noch nicht mal ein Hund.

Bewerten wir etwa tatsächlich die Größe oder Lebensform?

Darf ich um ein Tier weniger stark trauern, wie um einen Menschen?

Damals berührte mich diese Emotionslosigkeit des Umfelds sehr. Heute tun mir die Menschen, die mit mir in meiner Trauer nichts anfangen konnten, eigentlich leid. Denn sie haben in ihrem Leben vielleicht noch nie die Freude durch ein Tier erleben dürfen. Tiere können uns so unglaublich viel zurückgeben von dem, was wir ihnen schenken. Und dabei kommt es weder auf die Tiergröße, -art und auch nicht auf die Dauer des Zusammenlebens an.
Es ist nicht nur ein Tier. Es ist das Tier! Mein Tier, dein Tier! Und ja, wir dürfen trauern.


Sonja Tschöpe

Nachgefragt : Wer bist du eigentlich, Sonja Tschöpe

Das Sterben, der Tod und die Trauer sind sehr emotionale Themen. Genauso ist es, wenn es dabei um unsere Lieblinge, Pferd, Katze, Hund, Kaninchen & co geht. Dank unserer neuen Kolumne ‘UNGESCHMINKT’ von Sonja Tschöpe, befassen wir uns mit einem ebenfalls sehr emotionalen Thema – Wann und wie unsere Tiere sterben.


Sonja Tschöpe ist Sterbebegleiterin für Tiere und Trauerbegleiterin für ihre Menschen. Außerdem Tierheilpraktikerin, Tierernährungsberaterin, Autorin, Dozentin, hat eine Familie und das sind „nur“ die Hauptpunkte die sie und ihr Leben anreißen.

Darf man behaupten, dass du deine Berufung lebst?
Absolut – es ist mein Herzensthema Tiere und ihre Menschen auch auf dem letzten Abschnitt zu begleiten. Hättest Du mich das allerdings vor ungefähr 20 Jahren gefragt, wäre die Antwort anders gewesen. Sonja begleitet beim Sterben? Niemals!

Beim Tier gibt es die Entscheidungsmöglichkeiten: Sterbebegleitung oder Sterbehilfe durch den Tierarzt. Was muss deiner Meinung bedacht werden, um für sein Tier und für sich eine gute Entscheidung zu finden?
Die richtige Entscheidung gibt es eigentlich nur dann, wenn ich diese ohne Beeinflussung treffen kann. Ich erlebe immer wieder, dass meine Klienten sich eine Entscheidung von mir erhoffen oder von Kolleg/innen. Doch die richtige Antwort liegt in einem selbst. Man kennt sein Tier. Man weiß, wann der richtige Zeitpunkt da ist. Wenn mir jemand diese Entscheidung abnimmt, dann komme ich spätestens bei der Trauerverarbeitung in den Konflikt, dass ich keinen Frieden mit der Entscheidung schließen kann. Und das kann eine langfristige Belastung sein.
Ich empfehle, wenn möglich, auch nochmal das Tier vom Tierarzt mit nach Hause zu nehmen, wenn z.B. eine sehr schwere Diagnose gestellt wurde und das Tier zeitnah erlöst werden soll. Viele Tierärzte sind da sehr offen und kommen auch zu einem nach Hause. So hat man als Mensch noch etwas Zeit den Befund sacken zu lassen, kann seinem Tier nochmal alles sagen, was man sagen mag. Und dann fühlt sich im Nachgang die Entscheidung auch richtig an, als wenn man völlig überrumpelt in der Praxis ein Ja zur Euthanasie sagt.

Kann jeder sein Tier beim Sterben begleiten?
Oh ja! Jeder Mensch kann sein Tier begleiten, auch wenn es natürlich meist eine Art Hemmschwelle gibt. Viele Menschen äußern, dass sie das nicht können. Dabei kann es jeder und es gibt hier auch sehr vielfältige Möglichkeiten das Tier auf diesem letzten Lebensabschnitt zu begleiten. Sterbebegleitung bedeutet auch nicht, dass man grundsätzlich dann die Euthanasie ausschließt. Man begleitet, solange es für Mensch und Tier geht.

Wie war es bei dir als Kind, haben deine Eltern mit dir über den Tod gesprochen?
Eher nicht. Ich stamme noch aus einer Generation, bei der hat man es eher tabuisiert. Als meine Oma 1988 starb, wussten alle Erwachsenen worauf es hinausläuft, aber als dann am späten Nachmittag ihr Tod uns Kindern mitgeteilt wurde, fiel ich in ein sehr tiefes Loch. Ich glaube auch das meine Mama mit meiner Trauer völlig überfordert war. Ich habe danach sehr viele Jahre lang den Tod als größten Feind betrachtet. Ich hätte mir damals nie vorstellen können, dass ich irgendwann einmal alles anders sehe. Erst durch das Zusammenleben mit den Tieren und meinen Alltag als Tierheilpraktiker, begann ich mich mit dem Sterben tiefer zu befassen und freunde mich damit seit mehr als 10 Jahren an. Als tierisch Tätige habe ich ja leider nicht immer das Glück „heilen“ oder lindern zu können, denn manchmal ist der Tod die Heilung. Und genau so erziehe ich auch unsere 6jährige Tochter. Der Tod ist Teil des Lebens – er gehört dazu.

Was für eine Art Sterben wünschst du dir für deine Tiere?
Einen friedlichen, selbständigen Übertritt, wenn sie soweit sind. Und ich weiß, dass das leider nicht immer geht. Manchmal – und da muss ich einfach ehrlich sein – verläuft das Sterben nicht „rosarot“ bei unseren Tieren.

Bitte vervollständige:

Der Tod ist für mich…
…ein Teil des Lebens, der jeden Tag da ist und eintreten kann. Und es liegt an mir mein Leben im Hier und Jetzt so zu gestalten, dass ich jeden Tag sagen könnte, „ja – ich bin bereit, ich kann gehen, es bleibt etwas von mir hier.“

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