Jessica Josiger

Wenn ein Täter stirbt

Wenn ein Täter stirbt, gibt es häufig keine Trauer.

Wenn ein Täter stirbt, kann der Körper wieder atmen.

Wenn ein Täter stirbt, weicht die unbestimmte Angst, die du zuvor nicht wahrgenommen hast. Zumindest ein Stück, für eine Weile.

Wenn ein Täter stirbt, bedeutet das Sicherheit.

Wenn ein Täter stirbt, ist mit dem Tod auf Seelenebene das Täter-Opfer Verhältnis vollendet. Und auch das Familiäre.

Wenn ein Täter stirbt, wissen die Zellen deines Körpers, dass er nun in Sicherheit ist. Dafür braucht es kein bewusstes Wissen an die Tat von deiner Seite aus. Denn deine Zellen wissen alles. Erinnern sich an alles, egal wie tief es verborgen liegt.

Wenn ein Täter stirbt, können auch andere Seelen gehen. Ich schreibe an dieser Stelle bewusst Seelen, denn auf menschlicher Ebene hat er nichts bewusst gewusst von den Taten des anderen. Auf Seelenebene jedoch hatte er einen Schutzauftrag. Dieser ward mit dem Tod des Täters vollendet und so konnte die Seele gehen. Der Körper starb. Plötzlich, unerwartet und nicht gedacht.

So war es zumindest bei mir. Damals, als ich 16 Jahre alt war.

Vom Gefühl her ist es bei vielen anderen, die eine ähnliche Geschichte teilen, ganz genauso. Nur spricht „man“ darüber nicht. Der Tod und das Sterben sind in unserer Gesellschaft ja per se schon Tabuthemen, aber dieses spezielle Thema ist sozusagen ein Tabu vom Tabu. Ein Tabu de luxe ;-), weil wir müssen ja traurig sein, wenn ein Familienangehöriger verstirbt. Das gehört sich so. Sonst wirst du am Ende noch für gefühlskalt gehalten, obwohl du das gar nicht bist. Solche und noch viel mehr verworrene, verschwurbelte und schräge Glaubenskonstrukte schwimmen da oben im Verstand herum.

So war es zumindest bei mir.

Damals, als ich 16 Jahre alt war.

Aber auch hier habe ich das Gefühl, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht. Der Verstand will uns so was immer nur glauben lassen. Es ist sein Job, aber wenn du auf ihn hörst, boykottierst du dich am Ende nur selbst.

Jedoch zurück zur Geschichte, die heute an dieser Stelle eine Persönliche ist. Denn sie ist meine und irgendwie will sie mehr und mehr erzählt werden. Der Vollständigkeit halber setze ich hier eine Triggerwarnung. Lies bitte nur weiter, wenn du bereit dazu bist. 🙏🏻

Damals, als ich 16 Jahre alt war und mein Stiefopa verstarb, wusste ich noch nichts von all dem, was ich heute weiß. Zu tief war es in die tiefsten Schichten meines Unterbewusstseins abgespalten. Heute, 22 Jahre später, weiß ich ein wenig mehr von alle dem und ich weiß vor allem eines: Der Körper sagt immer die Wahrheit. Wir dürfen nur lernen, auf ihn zu hören.

In meinen ersten beiden Lebensjahren war mein Körper rituell-sexueller Gewalt ausgesetzt. Wer die Täter im Einzelnen alles waren, weiß ich nicht. Ich weiß nur, wer innerhalb meiner Familie zum Kreis der Täter gehörte. Vieles kann ich nur aufgrund meiner Trigger, die ich hatte, mit dem, was mein Körper mir sagt, und den zurückkehrenden Erinnerungen rekonstruieren. Doch darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Ich möchte dir heute von dem Tag erzählen, an dem mein Stiefopa verstarb, damals als ich 16 Jahre alt war.

Mein Stiefopa war ein starker Mann, Leistungsboxer mit entsprechender körperlicher Kraft. Er war groß, hatte riesige Hände, fast wie Teller. Er vermochte es sich rhetorisch sehr klar und korrekt auszudrücken. Er konnte auch extrem liebevoll sein, aber eben nur in seinem für ihn kontrollierbaren Rahmen. Er verfügte über einen großen Wissensschatz, den er an mich und meine Geschwister gerne weitergegeben hat. Er hasste es, abhängig zu sein. Alles wollte er alleine erledigen und niemals Hilfe von anderen annehmen.

Meinen leiblichen Opa habe ich erst im Alter von etwa 14 Jahren kennengelernt. Über ihn wusste ich bis dato allerlei Horrorgeschichten: Was für ein gewalttätiger Mensch er gewesen sei und obendrein habe er seine damalige Frau, meine Oma, mit zwei kleinen Kindern, wovon eines sein leibliches gewesen ist, sitzen lassen. Das war das Bild, was mir von klein auf über ihn vermittelt wurde. Dementsprechend war ich begeistert davon, ihn mit 14 kennenlernen zu müssen. Nicht.

Ich hab ihn abgelehnt und erst mit der Zeit erkannt, dass das Bild, was mir über ihn vermittelt wurde, nicht stimmt. Es schlicht falsch war. Es das Produkt einer traumatisierten Verdrehung von Wahrheiten war, um sich ein Traum(a)bild aufrechtzuerhalten. So sehe ich es heute. Damals jedoch, da war nur dieser immens große Widerstand in mir und gleichzeitig eine Faszination über einen Mann, der so lieb und großherzig von seinem Wesen und seiner Energie her war, dass ich nicht wusste, wem oder was ich glauben sollte.

Alles im Universum ist auf Ausgleich ausgerichtet. Alles gleicht sich immer aus. Im Guten wie im schlechten. Das ist das, was als Karma bezeichnet wird. Du erntest, was du säst. Aus dieser Perspektive betrachte ich auch so genannte Krankheiten. Trete also aus dem rein medizinischen Rahmen heraus und gehe bis ganz hoch in den allumfassenden Rahmen der Metaebene.

Bei meinem Stiefopa wurde ASL (Amyotrophe Lateralsklerose) diagnostiziert. ASL ist aus medizinischer Sicht eine Art Autoimmunerkrankung, die das Nervengewebe angreift und über kurz oder lang sämtliche Muskeln abbaut, was dann unweigerlich zu Tode führt. Diese sogenannte Krankheit hat meinem Stiefopa alles genommen, was ihm in seinem Leben wichtig war:

Seine körperliche Kraft, seine Sprache, seine vermeintliche Unabhängigkeit und seine Kontrolle.

Er konnte am Ende nicht mehr laufen, …

Er konnte am Ende nicht mehr laufen, lag nur noch im Bett. Er konnte sich irgendwann nicht mehr artikulieren, weil die Stimmbänder versagten und sich seine fürs Sprechen zuständigen Muskeln abgebaut haben. Er hatte keinerlei Kontrolle mehr über seinen Körper. Er hatte einen Katheder, nahm immer mehr ab und wurde künstlich ernährt. Meine Oma hat ihn gepflegt. Zu Hause bis in den Tod. Letzteres war für ihn das schlimmste, abhängig zu sein von einem anderen Menschen und dazu obendrein noch von einer Frau.

All das mag sich krass anhören, aber es war so.

An dem Tag, als er starb, war ich mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder mit dabei. Es war im Haus meiner Großeltern. Meine Oma hatte zeit ihres Lebens Angst vor dem Tod. Meine Mutter nicht und so war sie da und hat ihn in den Tod begleitet. Mein Bruder und ich waren in der Küche und haben fern geschaut. Ich war an dem Tag nicht im Raum, wo mein Stiefopa lag, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Woran ich mich jedoch erinnern kann, ist Folgendes:

Mein Bruder und ich saßen auf der Eckbank, in der Küche meiner Oma und der Fernseher lief. Irgendwann ging ein tiefes Durchatmen durch meinen Körper. So etwas wie Frieden kam in seine Zellen hinein und mit dem Frieden wich die Angst. Kurz darauf kam meine Mutter in die Küche, um uns zu sagen, dass mein Stiefopa nun tot sei. Bei der Beerdigung habe ich keine einzige Träne vergossen. Auch davor und danach nicht. Da war keine Trauer in mir, auch keine verdrängte. Anstelle der Trauer war eher so etwas wie „gut, dass er jetzt weg ist“ und Entspannung.

Mein leiblicher Opa verstarb am gleichen Tag. Etwa zwei Stunden später. Er lag die Wochen zuvor mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Er war längst über den Berg, ihm ging es gut und er sollte nach dem folgenden Wochenende aus dem Krankenhaus entlassen werden. Bei seinem Tod habe ich geweint während der Beerdigung und habe den Verlust gespürt, kam Bedauern in mir hoch, dass wir nur so wenig Zeit für- und miteinander hatten. Kurz um, ich habe um ihn getrauert.

Als ich viele Jahre später anfing, mich mit Schamanismus zu beschäftigen und dort in dieses Feld hinein getaucht bin, kam in mir eine wichtige Frage auf:

Was wäre, wenn mein leiblicher Opa deshalb gestorben ist, weil seine Seele nun wusste, dass wir in Sicherheit sind, da mein Stiefopa, ein Täter, nun verstorben ist?

In dem Moment, als diese Frage in mir hochkam, floss Entspannung durch mein gesamtes System und damit wusste ich, es ist die Wahrheit. Zumindest eine Wahrheit von vielen. In diesem Fall meine und die auf der großen Metaebene und genau auf diese Wahrheit kommt es an. Alle anderen sind irrelevant.

Falls du dich wiedererkannt hast in meiner Geschichte, dann lass mich dir Folgendes mit auf dem Weg geben:

Du musst nicht trauern, wenn du keine Trauer verspürst.

Kein Mensch verlangt das von dir. Es ist lediglich der Verstand, der meint, so etwas von dir verlangen zu müssen, und es sind möglicherweise die Menschen um dich herum, die so etwas von dir erwarten. Aber damit meinen sie nicht dich als Person. Sie meinen im Kern nur sich und projizieren ihre eigenen Erwartungen auf andere, in dem Fall auf dich.

Vertraue stattdessen deinem Körper und dem Gefühl, was sich in ihm breitmacht. Beobachte das. Fühle es. Fühle alles, was da ist und wenn nichts da ist, gibt es in diesem Moment auch nichts zu fühlen.

So einfach ist das.

In Liebe,
Deine Jessica

„Gefällt mir“ – und dir?

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