Sterbebegleitung anders

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Jessica Josiger
Jessica Josiger ↻ Kolumne 'DIE SPIRITUELLE NOMADIN SPRICHT'

Mein Papa hat sich ein schönes Datum zum Sterben ausgesucht. Der 09.09.2021 war es. Ein Mittwoch. In der Numerologie erfolgt alles in einem Neunerzyklus und die Zahl neuen steht numerologisch betrachtet für die Vollendung sowie für Menschlichkeit und Gemeinschaft. Der 09.09. dieses Jahres war ein kraftvoller und harmonischer Tag und es freu mit sehr, dass die Leichtigkeit seiner Seele die Oberhand behielt und gehen konnte. Wenn ich mir so die äußeren Umstände anschaue, war das nicht selbstverständlich und bis etwas vier Tage vor seinem Tod sah es noch ganz anders aus.

Je mehr ich mich dem Schreiben öffne, desto weniger komme ich darum herum, über meine persönlichen Themen zu schreiben. So wird es auch dieses Mal sein, denn ich habe meinen Papa vor allem schamanisch in den Tod begleitet. Als Menschen sind wir uns zum letzten Mal im Oktober 2020 gegenüber getreten. Eine Tatsache, die für Unverständnis und Fragezeichen sorgte, vor allem bei meinen Geschwistern. Andererseits bin ich dafür berühmt wie berüchtigt, die Dinge anders anzugehen. Eben so, wie sie aus meinem Inneren nach oben steigen und sich stimmig für mich anfühlen. So sollte es auch dieses Mal sein. Meine Kinder und ich machten ein Abschiedsritual für meinen Papa, ihren Opa. Hier bei uns in Flensburg. Weit, weit weg von seiner Heimat.

Darüber möchte ich dir heute berichten.

Mein Vater wurde Ende Juli 2021 ins Krankenhaus eingewiesen. Während der Untersuchungen erhielt er die Diagnose Krebs im Endstadium. Er hatte Nierenkrebs. Metastasen waren überall im Körper verstreut. Unter anderem in der Lunge und im Kleinhirn. Diese schränkten vor allem sein Sprachzentrum massiv ein. Von der Diagnosestellung bis kurz vor seinem eigentlichen Tod war die meiste Zeit Wut und Kampfenergie in seinem Feld. Zunächst hatte er sich für eine Bestrahlung entschieden. Die Hoffnung war, dass so der Tumor im Hirn auf eine operierbare Größe schrumpft. Fünf Tage vor seinem Tod entschied er sich schlussendlich gegen eine Bestrahlung und für eine Palliativversorgung. Er bekam hohe Morphiumdosen und war nach Aussage meiner Geschwister mehr ab- als anwesend. Dennoch brachte diese Entscheidung von der Energie her deutlich Ruhe und Frieden in sein System.

Bereits im August entschied ich mich, nicht noch einmal in meine Heimat zu fahren, um mich von ihm zu verabschieden. Ich hatte meine Gründe. Wollte weder mich noch meine Kinder dem Traumafeld meiner Herkunftsfamilie aussetzen, denn diese Zeiten sind vorbei. Gleichzeitig spürte ich deutlich, dass ich mit meinem Papa im Frieden bin. Da gab und gibt es nichts, was ich als Angehörige noch mit ihm zu klären habe. Ich war fein mit ihm. Kein Bereuen, keine Wut, kein nichts. Nur Frieden, Liebe und der Wunsch, er möge in eben diesem Frieden gehen können. Mir wurde in jener Zeit sogar bewusst, wann dieser Frieden zwischen mir und meinem Papa entstanden ist. Nämlich mehr als ein Jahr zuvor. Zu seinem Geburtstag rief ich ihn an, um ihn zu gratulieren. Es war das offenste, tiefste und gefühlvollste Gespräch, das ich je mit ihm führte. Darin habe ich so viel erkannt, vor allem jedoch mich selbst in ihm. Wie viele meiner Fähigkeiten und tollen Eigenschaften ich von ihm habe und wie wenig von dem, was mir all die Jahre zuvor von und über meinem Vater erzählt wurde, der Wahrheit entsprach. Sicher, als Mensch war er nicht perfekt. Hatte seine Fehler und auch er hat Dinge falsch gemacht. Aber seien wir mal ehrlich, welcher Mensch ist denn schon perfekt? Ich kenne keinen einzigen. Da war also Frieden zwischen ihm und mir. Auf Seelen- und menschlicher Ebene. Deshalb gab es auch keinen Grund ihn noch einmal zu besuchen. Mir ist bewusst, dass ich hier möglicherweise auf Unverständnis stoße. Das ist mir jedoch egal. Wenn Gevatter Tod im Haus steht und er deutlich angekündigt hat, einen Menschen auf seine weitere Reise abzuholen, dann sind alle weiteren „Maßnahmen“ ausschließlich für die Angehörigen und nicht für den Sterbenden selbst. All die Besuche im Krankenhaus, das Verabschieden, die Beerdigung und was sonst noch alles dazu gehört. Sie sind für die Angehörigen da. Damit sie einen Raum bekommen, um mit dem Angesicht des Todes zurecht zu kommen. Ich als Angehörige entschied mich, dass ich diesen Raum nicht brauche, beziehungsweise ich ihn für mich anders nutzen und füllen möchte.

Was mir jedoch klar war: Meine Kinder und ich werden ein Abschiedsritual gestalten. Für unsere Trauer und somit dieser und unserem Schmerz Raum zu geben. Für meine Tochter, damit sie mit dem Tod Frieden schließen kann und erkennt, dass er kein böses Monster ist, das es zu meiden gilt. Sondern ein Freund, der die Seele auf ihrer langen Reise ein Stück weit begleitet. Zu dem Zeitpunkt, wo ich all diese Entscheidungen traf, wusste ich noch nicht, wie dieses Abschiedsritual aussehen wird oder wann ich das mit den Kindern durchführe. Jedoch wusste ich genau, dass ich spüren werde, wenn die Zeit gekommen ist. Durch einen Gruppenchat meiner Geschwister wurde ich über den Zustand meines Vaters im groben auf dem Laufenden gehalten. Dies deckte sich mit dem, was ich spürte, wann immer ich ins Feld meines Vaters ging. Die Irritiation, die für mich von Anfang an bestand, war jene erste Entscheidung meines Vaters für eine Bestrahlung. Spürte ich doch, dass ihm, gemessen an menschlichen Maßstäben, kaum noch Zeit blieb. So sollte es auch am Ende eintreffen.

Zurück zum Ritual, welches wir an einem Samstag machten. Es war ein wunderschöner, warmer und sonniger Herbsttag und bereits die Woche zuvor spürte ich, dass sich das Feld für das Ritual öffnete. Ich glaube, es war der Donnerstag vor besagtem Samstag, als meine Kinder und ich einen Familienrat abhielten. Ich sprach mit ihnen über das Abschiedsritual, das ich es am Samstag durchführen möchte, berichtete von meinen Ideen und fragte sie nach ihren. So kam es, dass sich das Ritual im Laufe des Gesprächs formte und mit Leben und Liebe füllte. Das wir an die Ostsee fahren war klar. Mein Vater liebte die See. Ich wollte einen Abschiedsbrief schreiben und ihn in eine Flaschenpost verpacken. Das passende Gefäß sollte sich noch finden. Meine Kinder wollten ebenfalls einen Abschiedsbrief schreiben. Mein Sohn bastelte vor Jahren in der Schule ein kleines Boot. Dieses wollten wir anzünden und aufs Meer segeln lassen. Meine Tochter nähte dafür mit ihrer Nähmaschine ein neues Segel und mein Sohn hatte die Idee, dass wir Opa Gaben mit auf den Weg geben sollten. So wie es bei den alten Kelten seit jeher Brauch war. Wir entschieden uns Opa statt Gaben, Götter mit auf den Weg zu geben. Damit sie seine Seele begleiten und er sicher weiterreisen kann. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mehr im Einzelnen all die Götter, die da waren, um ihn zu begleiten. Das ist normal bei mir. Normal für jeden Menschen, der direkt aus der Quelle heraus kommuniziert. Kommunikation aus der Quelle heraus bedeutet, dass es weder etwas dafür oder dagegen zu sagen gibt und dass es mit dem Aussprechen vollendet ist. Alles was vollendet ist, rutscht von der Festplatte des Gehirns wieder herunter. Es ist und bleibt weg. So auch hier. Nur eine Göttin ist jetzt gerade beim Schreiben sehr präsent. Aphrodite, die griechische Göttin der Liebe und die Herrin des Krieges. Bei meinem Papa war sie vor allem der Liebe wegen. Denn genau das ist jene Eigenschaft, die ihn auszeichnete. Er war voller Liebe. Innerhalb meiner Herkunftsfamilie hatte er nur wenig Raum, diese zum Ausdruck zu bringen und noch weniger Raum gab es, um diese anzunehmen. Aber das war er: Bedingungslose Liebe durch und durch. Er war derjenige, der morgens extra eine halbe Stunde früher aufstand, wenn ich in der Schule ein Brot mit Spiegelei wollte. Er war derjenige, der mit einer Engelsgeduld meine Kinder mitkochen ließ. Derjenige, der nicht ein einziges Mal die Hand gegen mich erhob. Völlig egal, was für einen Blödsinn ich anstellte, seine Liebe war bedingungslos. Um das zu erkennen brauchte es für mich Gevatter Tod. Auch das schenkt er einem. Einen klaren Blick auf das, was ist. Jenseits von Prägungen, Erfahrungen und den Geschichten, die andere über jemanden erzählen oder die das Leben selbst schreibt.
Doch zurück zum Ritual.

Im Vorfeld war ich davon überzeugt, dass es ein Sterberitual werden wird. Dass die Seele meines Vaters in jener Nacht den Körper verlässt und weiterreist. Am Ende sollte es, wie immer, wenn es denkt, ganz anders kommen. Doch dazu später mehr…

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Samstag beim Frühstück erzählte ich den Kindern, dass wir heute das Ritual machen werden und ich gerne in den frühen Abendstunden mit ihnen ans Meer fahren möchte, um es durchzuführen. Es sei Zeit, ihre Abschiedsbriefe oder -bilder heute im Laufe des Tages fertig zu machen. Gegen Mittag setzte ich mich auf die Terrasse, wo es sonnig und herrlich warm war. Etwas ungewöhnlich für den Flensburger Herbst und gleichzeitig umso schöner. Bewaffnet mit Papier, Stift und einem Getränk meiner Wahl, saß ich dort auf meiner Terrasse und begann zu schreiben. Einen Brief an meinen Papa oder besser gesagt, ich ließ schreiben. Während des Schreibens verlor ich vollkommen das Gefühl für Zeit und Raum und war ganz im Moment des Seins. Ich war überrascht, was ich meinem Papa alles schrieb und erzählte. Waren es doch Dinge, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie meine Finger verlassen. Gleichzeitig war es alles, was wichtig war. Ich erzählte ihm von unserer Familie, meinem Freund, all den Veränderungen, die in den vergangenen Wochen und Monaten passierten, den kleinen und großen Wundern des Lebens und ich machte eine Reise in die Vergangenheit. Das Schreiben öffnete eine Art Vorhang in meine Zeit als Kind. Aber nicht so, wie ich diese erlebte, sondern aus der Metaebene heraus. Es war, als ob ich einen völlig neuen und sehr klaren Blick über unser aller Rollen innerhalb des Familiengefüges bekam und sich durch das Schreiben alte Kreise schließen konnten. Endlich. Das Alte war vollendet und genau das ermöglichte es der Seele meines Vaters gehen zu können.

So schrieb und schrieb ich ganze fünf Seiten voll. Während dieses Prozesses weinte ich Rotz und Wasser. Teilweise musste ich das Schreiben unterbrechen, weil es mich vor lauter Weinen so sehr schüttelte, dass ich ich keinen Stift mehr gerade halten konnte. Als alles geschrieben und jede Träne geweint war, kehrte Ruhe ein. Der Stift hielt still. Kein Wort verließ mehr meine Fingerspitzen. Es war alles gesagt und ich spürte erneut den Frieden in mir.

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