Die Fäden der Liebe

Abschied aus der Ferne - ein "Gespräche" mit Anne Frank

Die Fäden der Liebe - Artikel
pyapong pixabay
Antje Grube ↻ WEITERLESEN

Der folgende Text ist frei erfunden und beruht nicht auf Zitaten oder Texten aus den Werken Anne Franks.

Wann immer ich das Gefühl habe, mein Leben würde sich am absoluten Tiefpunkt befinden, denke ich an Anne Frank. Und plötzlich erscheint mir mein eigenes Leid, mein Schmerz, meine Trauer oder was auch immer mich gerade quält, so unbedeutend!
Sicherlich ist dieser Vergleich sehr extrem, denn kaum etwas in unserer heutigen Zeit lässt sich mit der Geschichte von Anne vergleichen. Und doch gibt mir der Gedanke an dieses Mädchen immer wieder neuen Mut, neue Kraft und zeigt mir, wie wertvoll dieses Leben ist und wie wichtig es ist, jeden einzelnen Tag zu genießen.

Warum
ausgerechnet
Anne Frank?

Annes Geschichte begleitet und fasziniert mich schon seit meiner Schulzeit. Obwohl ich gestehen muss, dass ich das komplette Tagebuch noch nie gelesen habe, begegnen mir immer wieder Auszüge daraus und das Schicksal dieses Mädchens ist für mich zu einer Art Sinnbild geworden:

Dafür, dass man jede Lebenslage irgendwie durchstehen kann, ohne die Hoffnung, den Mut und den Glauben zu verlieren.

Anne Frank ist für mich wie ein Anker. Wie oft schon habe ich gedacht: „Hey, wenn Anne das ausgehalten hat, dann werde ich meine Situation ja wohl erst recht meistern.“ Daraufhin endeten dann meistens mein Selbstmitleid sowie das Jammern und Klagen in meinem Kopf darüber, wie furchtbar schlecht es mir doch geht.

Allein dafür werde ich Anne ewig dankbar sein!

Wie ich mit
Anne ins
Gespräch kam

Vor etwa anderthalb Jahren habe ich jedoch noch eine andere Möglichkeit gefunden, mir in schwierigen Lebenslagen von Anne helfen zu lassen: Ich „spreche“ mit ihr.

Natürlich nicht wirklich, aber ich stelle mir vor, ich würde es tun und meistens schreibe ich unsere Dialoge dann auch auf. Die Idee dazu kam mir, als ich die Bücher „Gespräche mit Gott“ von Neale Donald Walsch gelesen habe. Darin unterhält sich der Autor mit Gott, stellt ihm jede Menge Fragen und erhält Antworten.

Das fand ich cool, das wollte ich auch!

Aber ich wollte mich nicht nur mit Gott unterhalten, sondern eben auch mit Anne Frank sowie mit anderen Personen und Figuren wie zum Beispiel mit Gandhi, Cleopatra und meiner Mama – mit allen Menschen eben, die ich auch gerne im echten Leben als Ratgeber an meiner Seite hätte. So begann also jeden Morgen, all meine Sorgen und Probleme mit diesem imaginären Team zu besprechen und die Antworten aufzuschreiben.

Das Besondere daran ist, dass ich nach einer Weile des Schreibens das Gefühl bekomme, die Antworten würden nicht mehr aus meiner eigenen Fantasie entspringen, sondern mir von irgendwo anders zufliegen. Oft war ich am Ende selbst fasziniert, was ich da zu Papier gebracht hatte.

Im Laufe der Zeit entstanden auf diese Weise zahlreiche Geschichten, welche ich in meinem zweiten Buch „Was liest eigentlich Gott?“ veröffentlicht habe.

Für heute, für diesen besonderen Artikel hier, werde ich mich allerdings ausschließlich mit Anne „unterhalten“. Denn als ich gebeten wurde, einen Beitrag für die Sonderausgabe von viaanima.com zu schreiben, kam mir Anne sofort in den Sinn.

Also schauen wir doch mal, ob sie Lust hat, mir eine Frage zu beantworten …

„Na klar!“ ruft sie da auch schon begeistert und lächelt übers ganze Gesicht.

Abschied
nehmen aus
der Ferne

Ich stelle mir Anne gerne barfuß in einem bunten Sommerkleidchen vor, wie sie fröhlich über Kreidefelder springt, die sie auf den Boden gezeichnet hat. Nun jedoch steht sie vor mir und ihre strahlenden Augen schauen mich erwartungsvoll an.

„Hallo Anne“, begrüße ich sie. „Schön, dich zu sehen. Ich sitze hier gerade an einem Artikel und wäre echt froh, wenn du mir ein wenig helfen würdest.“

Freudestrahlend gesellt sie sich an meine Seite, schaut kurz etwas skeptisch auf meine Notizen und sagt dann: „Sehr gerne. Worum geht’s denn?“

„Nun ja…“ Ich suche nach den richtigen Worten. „Im Grunde wüsste ich gerne, wie du es damals geschafft hast, deine ganze Situation auszuhalten ohne zu verzweifeln. Aber das würde wohl etwas den Rahmen sprengen. Daher habe ich eine etwas konkretere Frage vorbereitet, die ich dir gerne stellen möchte. Ich denke, dass dies eine Frage beziehungsweise ein Thema ist, mit dem sich gerade jetzt wieder sehr viele Menschen beschäftigen.“

„Gut. Leg los!“ erwidert Anne voller Begeisterung darüber, dass sie mir helfen darf.

„Prima. Die Frage kommt von der lieben Sabrina Steiner. Sie möchte gerne wissen, wie du damit umgegangen bist, Menschen zu verlieren, ohne dass du sie noch einmal sehen konntest. Wie hast du das verkraftet? Hast du trotzdem irgendwie Abschied nehmen können?“

„Oh ja“, antwortet Anne sofort und ihr Gesichtsausdruck wird nachdenklich und auch ein bisschen wehmütig. „Ich habe mich von allen im Geiste verabschiedet. Wobei … eigentlich stimmt das gar nicht. Denn ich habe mich ja weiterhin mit ihnen unterhalten, so wie wir beide uns jetzt hier unterhalten. Ich konnte ja lange Zeit sowieso nicht mehr alle Menschen treffen, die mir am Herzen lagen. Also habe ich angefangen, in meiner Fantasie mit ihnen zu reden. Wir haben oft sehr lange Gespräche geführt und der Vorteil war, dass mir dabei nie jemand widersprochen hat.“
Anne kichert kurz verschmitzt, dann wird sie wieder ernst.

„Manchmal erreichte mich die Nachricht, dass jemand gestorben war. Das machte mich traurig, aber es erschien mir auch so unwirklich. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Schließlich konnte ich in meinen Gedanken noch immer mit ihnen sprechen, genau wie zuvor.“

Ich nicke zustimmend. „Ja, so habe ich es nach dem Tod meiner Mama auch gemacht“, sage ich. „Und dennoch – ich hatte die Möglichkeit, mich von ihr zu verabschieden. Ich denke, was vielen Menschen derzeit großen Schmerz bereitet, ist die Tatsache, dass sie gerade JETZT nicht bei ihren Lieben sein können. Die Vorsichtsmaßnahmen aufgrund des Virus mögen richtig sein, aber wer ausgerechnet in dieser Zeit einen geliebten Menschen verliert, wird sich wohl immer die Frage stellen, warum es ausgerechnet jetzt passieren musste.“

Jeder geht
zu seiner
Zeit

Anne schweigt einen Moment. Ihr Blick verliert sich irgendwo in weiter Ferne, wahrscheinlich in der Vergangenheit.

Dann sagt sie – und klingt dabei plötzlich sehr erwachsen: „Weißt du, ich bin überzeugt, dass es immer zur richtigen Zeit passiert. Richtig für den, der geht. Das Leid liegt bei denen, die bleiben, weil sie es nicht verstehen, weil sie die Beweggründe der verstorbenen Seele nicht kennen.
Die Vorstellung, dass jemand einsam sterben MÖCHTE, ist so ungeheuerlich … so unvorstellbar! Und dennoch glaube ich daran, dass es – auf Seelenebene – absichtlich geschieht. Denn irgendwie scheinen wir die Umstände und den Zeitpunkt unseres Todes wählen zu können. Unbewusst natürlich.

Wir alle kennen doch die Geschichten von Menschen, die so lange im Sterben liegen, bis noch eine bestimmte Person zu Besuch gekommen ist und sich verabschieden konnte. Danach geht es dann plötzlich ganz schnell. Also scheinen wir doch irgendwie in der Lage zu sein, den Tod hinauszuzögern, wenn uns daran gelegen ist.
Und andererseits sitzen viele Menschen Tag und Nacht am Sterbebett ihres Angehörigen, um auch ja im letzten Moment dabei zu sein. Aber dann „schleicht“ sich derjenige genau dann davon, wenn mal fünf Minuten niemand im Zimmer ist – so, als hätte er nur darauf gewartet, endlich einen Moment alleine gelassen zu werden. Ich bin absolut sicher, dass solche Sachen nicht zufällig passieren.“

„Da hast du wohl recht“, stimme ich zu. „Und dennoch möchten die Menschen so gerne Abschied nehmen. Doch wie, wenn man nicht kann … nicht darf?“

Die ewigen
Fäden der
Liebe

„Wir nehmen so oft Abschied, ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein oder dem ganzen einen besonderen Wert beizumessen“, antwortet Anne nun. „Wir gehen morgens auf getrennten Wegen aus dem Haus, wir beenden Telefonate oder persönliche Treffen, wir verabschieden uns mal mehr, mal weniger achtsam … und gehen immer davon aus, dass wir denjenigen bald wiedersehen werden.

Doch wissen wir es? Nein. Wir können nie wissen, was im Laufe des Tages, nächste Woche oder in einem Monat geschieht. Natürlich sollst du nun nicht die ganze Zeit in Angst leben und bei jedem Abschied denken: Oh Gott, was, wenn das unser letztes Treffen war?

Vielmehr sollte dich die Liebe begleiten. Auf jedem Weg, bei jeder Begegnung und jedem Auseinandergehen. Liebe webt unsichtbare Fäden, die bestehen bleiben, was auch immer geschieht. Dann lässt sich auch ein endgültiger Abschied aus der Ferne leichter ertragen, denn die Fäden der Liebe spüren beide, auf beiden Seiten.“

„Das ist wundervoll“, flüstere ich, um die Magie in Annes Worten nicht zu zerstören.

Eine ganze Weile sitzen wir still nebeneinander und denken wohl beide mit einem Lächeln im Gesicht an all die Menschen, zu denen wir solche Fäden gewebt haben oder gerne gewebt hätten.

Für einen liebevollen
Abschied ist es
nie zu spät

Das bringt mich dazu, schließlich doch noch eine Frage zu stellen: „Was, wenn wir es versäumt haben? Wenn wir die Begegnungen und Abschiede mit einer Person nicht so liebevoll gestaltet haben, wie wir es uns jetzt wünschen würden und wenn nun keine Möglichkeit mehr dazu besteht?“

Anne schüttelt lächelnd den Kopf und sagt: „Die Möglichkeit besteht IMMER. Es spielt keine Rolle, wie weit jemand entfernt ist, wie lange ihr euch nicht gesehen habt oder was zwischen euch vorgefallen ist. Die Fäden der Liebe kannst du jederzeit weben. Vergib alles, was war und vergib auch dem, was ist. Konzentriere dich nur auf die Liebe.“

„Und das geht auch, wenn derjenige bereits gestorben ist?“ hake ich nach.

„Ja, natürlich. Du kannst das jederzeit tun. Denke an all die schönen Momente, die ihr zusammen erlebt habt, auch wenn das zunächst sehr schmerzhaft ist. Lass die Tränen fließen bis du feststellst, dass du dennoch lächelst.

Sprich in deinen Gedanken Worte voller Liebe. Unterhalte dich aber auch gerne über alles, was dich bewegt. Du kannst der Person auch einen Brief schreiben, wenn dir das lieber ist. Dann wäre es jedoch sehr schön, wenn du dir auch vorstellst, dass dir derjenige antwortet. Denn das tut er, auch wenn man es nur mit dem Herzen hören kann.“
„Das Herz tut oft sehr weh in solchen Situationen“, wende ich vorsichtig ein.
„Ich weiß“, wispert Anne leise. „Das weiß ich nur zu gut.“

Lass
dein Herz
berühren

Wieder schweigen wir.

Ich stelle fest, dass Anne irgendwann während unseres Gesprächs ihre Hand in meine geschoben hat. Behutsam halte ich sie fest und obwohl mir bewusst ist, dass dies alles nur in meiner Fantasie geschieht, glaube ich plötzlich eine ganz leichte Berührung zu spüren. So zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.

„Die Fäden!“ flüstert Anne, zwinkert mir zu und löst sich in meinen Gedanken auf.

Das Gefühl jedoch, das bleibt. Und es tut unendlich gut.

„Gefällt mir“ – und dir?

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