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Bis zuletzt an deiner Seite

Begleitung und Pflege schwerkranker und sterbender Menschen - Buchvorstellung

Mit Bis zuletzt an deiner Seite haben Monika Specht-Tomann und Doris Tropper ein Buch verfasst, das trotz seines Alters auch heutzutage noch eine gute Orientierung für pflegende Angehörige und professionelle Begleiter*innen sterbender Menschen sein kann. 2003 zunächst im Kreuz Verlag erschienen und 2008 neu durch die Münchner Verlagsgruppe verlegt, erfreut es sich in dieser Form aktuell bereits seiner siebten Auflage.

Besonders angesichts der Vielzahl an Stimmen, die es in den letzten Jahren in der Trauerbranche auch auf den Buchmarkt geschafft haben, stellt sich die Frage, was dieses Buch (noch) kann. Sind seine Ansätze nicht längst in ausführlicherer Fachliteratur aufgegangen? Wie sollen mir gerade einmal siebzig Seiten bei diesem umfangreichen Thema Unterstützung sein?

Wissen vermitteln


Das Buch macht nicht mehr als es verspricht – und das ist seine Stärke, wenn es genau so genommen wird. Der Klappentext verrät, dass es 1. über den Sterbeprozess aufklären möchte, 2. Bedürfnisse sterbender Menschen verstehbar machen will und 3. Angehörigen Hilfestellung sein möchte. Und eben das tut es.
Häufig sind Angehörige als Sterbebegleiterinnen sehr plötzlich gefordert. Auch wenn sich manches Lebensende absehbar ankündigt, wird die Rolle als Sterbebegleiterin meist als unvermittelt eintretend empfunden. Ereignisse und Entscheidungen überschlagen sich, jetzt auch noch reflektieren und mit Abstand eine wohlformulierte Position zum Geschehen einnehmen? Uff.

Hier setzt Bis zuletzt an deiner Seite als Quelle zum Durchatmen ein, denn dass eine bewusste Haltung zur neuen Rolle hilfreich und sinnvoll ist, bleibt außer Frage. Sehr übersichtlich und eingängig werden typische Phänomene von Sterbeprozessen benannt, mit wiederkehrenden Aussagen sterbender Menschen beschrieben und an Beispielen aus der Praxis durchgespielt. Das kann helfen, um ein Basiswissen über die Hürden und Aufgaben der nächsten Zeit zu erlangen. An dieser Stelle hätte dem Buch allerdings etwas mehr Relativierung des linearen Ablaufs der “Stationen des Sterbens”, wie sie hier genannt werden, gut getan. Häufig queren sich in der Realität die verschiedenen Empfindungen angesichts der Existenzialität der Situation. Eben noch abgeschlossen Geglaubtes, kann morgen schon wieder brandaktuell sein.

Innere Haltung entwickeln


Nach der Vermittlung dieses Grundverständnisses, widmet sich das Buch den Aufgaben und möglichen Verhaltensweisen der Pflegenden. Ganz im Stile eines Ratgebers, wartet es mit einprägsamen Faustregeln auf. So kann beispielsweise das SOS-Modell

erschienen im mvg Verlag – *Provisions-Link

  • Situationsabklärung (Fakten)
  • Orientierung am Sterbeprozess (Wissen)
  • Soziale Kompetenzen (Fertigkeiten)

dazu beitragen, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren. Auch die “zehn Gebote für eine gute Sterbebegleitung” können dabei helfen, sich selbst als Pflegende*n im Blick zu behalten.

Im Kern der guten Begleitung, die dieses Buch anbietet, geht es um die Fähigkeit Prozesse auszuhalten, Gefühle, auch negative, zuzulassen und den Geschehnissen Raum zu geben. Ganz bewusst grenzt es sich von medizinischen Ratschlägen ab und beschreibt auch nicht die körperlichen Prozesse sterbender Menschen. Es geht ausdrücklich darum Angehörigen den Rücken zu stärken und Bewältigungsstrategien für belastende Situationen anzubieten. Bezeichnenderweise nutzen die Autorinnen hierfür die Formulierung “kraftquellenorientiertes Helfen und Begleiten”. Hier wäre allenfalls anzumerken, dass die umfassende Beherrschung all der Fähigkeiten, die hier als Kompetenzen nahegelegt werden, nicht das notwendige Ziel als Begleiter*in sein muss. Die Akzeptanz für Lücken, Versagen und das Leben in Widersprüchen, wären für diesen Abschnitt einordnende Ergänzungen.

An Grundtugenden erinnern


In der Einführung richten sich die Autorinnen auch an Sterbebegleiterinnen in Pflegeeinrichtungen. Bezogen darauf lässt sich aus heutiger Perspektive jedoch festhalten, dass tatsächlich einige der in diesem Buch angeführten Punkte mittlerweile erweitert und neugedacht wurden. So zählen beispielsweise aktives Zuhören und unterstützende Kommunikation noch immer zu den Eckpfeilern vieler professioneller Begleiterinnen. Allerdings sind diese bereits um aktivierende und verstärkende Maßnahmen ergänzt worden. Wütendes Anklagen beispielsweise, muss nicht notwendigerweise ausgehalten, sondern kann vorübergehend auch bestärkt werden, um Starre und Ängste in Bewegung, vielleicht sogar in Wandlung zu bringen.
Auch die anklingende Gleichsetzung von Trauer und Traurigkeit, findet in gegenwärtigen Debatten so kaum noch statt. Trauer wird häufig eher als Schirmbegriff verstanden, unter dem sich verschiedenste Gefühle und Phänomene sammeln können.
Angesichts solcher und weiterer Entwicklungen in den Arbeitsfeldern rund um Abschied, Sterben, Tod und Trauer, empfiehlt sich dieses Buch für professionelle Begleiter*innen eher als Erinnerung an Grundtugenden ihrer Arbeit. Nichtsdestotrotz ist es für diesen Zweck in jedem aufgeräumten Bücherregal von beispielsweise Hospizen und Palliativstationen gut aufgehoben.

Besonders empfiehlt es sich aber für Angehörige, die sich einer Sterbebegleitung erstmals und/oder plötzlich gegenüber sehen. Wenn vermeintlich nicht viel Zeit, Muße oder innerer Raum bleibt, um Distanz zu gewinnen und aus einer Ruhe heraus zu entscheiden, welches Verhalten demnächst sinnvoll ist, kann dieses leicht leserliche Buch unterstützende Impulse geben.

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